Das Privileg, an dieser Stelle zu erscheinen, nütze ich schamlos aus, zum Beispiel, indem ich manchmal Inserate aufgebe. So inserierte ich einst meinen Wunsch, ein bestimmtes Buch von Simenon zu besitzen. Ich hatte es unter toskanischen Pinien gelesen, sein Titel war mir entfallen, aber von der Stimmung des Buches hatte ich nicht das Geringste vergessen. Es war die Geschichte eines Liebesverrats: Ein verheirateter Arzt hatte sich in ein Zimmermädchen seiner Klinik verliebt, er liebte die junge Frau sehr, aber er kehrte - die Verlassene zerstörend - in den Schoß der Familie zurück. Diese Angaben genügten, und aus dem Kreise der Leser erreichte mich die Information: Der Teddybär hieß das Buch- nach dem Spitznamen, den der Mediziner seiner Geliebten gab. Schließlich schickte mir eine Dame, die für den Diogenes Verlag arbeitet, ein Exemplar aus ihrem Privatbesitz. Der Teddybär ist nämlich noch nicht in die Neuauflage der Bücher Simenons aufgenommen.

In dieser Neuauflage erschien jüngst Das blaue Zimmer. Darin findet sich ein Satz, der ein Gemeinplatz aus dem Teddybär sein könnte: "Man verbringt nicht sein ganzes Leben damit, sich auf einem Bett in einem sonnendurchfluteten Zimmer der Leidenschaft zweier nackter Körper zu überlassen." Also wieder ein Liebesverrat. Aber im Blauen Zimmer kommt keine Trennung vor, sondern eine pervertierte Unzertrennlichkeit. Ich verrate nichts, denn die Geschichte wird vom Autor langsam, Stück für Stück, vor Augen geführt; sie lebt davon, dass ihr Anfang einerseits eine starke, sinnliche Unmittelbarkeit hat: "Es stimmte nicht nur alles, es war auch alles wirklich: er, das Zimmer, Andrée, die immer noch ausgestreckt auf dem zerwühlten Bett lag, nackt, mit offenen Schenkeln und mit dem dunklen Fleck ihrer Scham, aus der ein Samenfaden rann."

Andererseits wird gerade diesem Anfang seine Unmittelbarkeit geraubt; er ist der Ausgangspunkt für ein quälendes Grübeln, für eine existenzzerstörende Unstimmigkeit. Später wird der Held fantasieren, wie es hätte kommen können, wäre es anders - als damals im blauen Hotelzimmer - gewesen. Er wird sich in Gedanken ausmalen, welche glänzende Zukunft ihm mit seiner Frau, der Mutter seiner Tochter, bevorstünde: Gemeinsam alt geworden würden sie über seine verflossenen Leidenschaften sprechen. Längst wäre die Gattin in alles eingeweiht. Die fantasierte Zukunft ist der Ort der großen Verzeihung; sie macht alles gleichgültig, was einmal den entscheidenden Unterschied, die Wende in einem Schicksal, ausmachte.

"Kafka ist wirklich groß", sagte Georg Klein jüngst. Diesem Aphorismus des Siegers im Bachmann-Preis-Wettbewerb füge ich hinzu: Auch Simenon hat seine Größe. Der Held aus dem Blauen Zimmer ist ein zugereister Italiener. Das wird in dem französischen Dorf, das Simenon lässig, aber präzise beschreibt, eine Rolle spielen. Seine Mutter und seine Schwester sind aufgrund ihrer Fremdheit umgekommen: "Hier, in einem Land, dessen Sprache sie nicht kannte, verließ sie das Haus nur selten. An jenem Tag... hat sie sich wahrscheinlich in der Wagentür geirrt und ist auf der falschen Seite aus dem Zug gestiegen. Sie ist mit dem Kind im Arm von einem Schnellzug überfahren worden." Das ist das Inbild eines Immigrantenschicksals.

Das blaue Zimmer ist ein Buch über Wörter; sie heißen plötzlich etwas ganz anderes, wenn man darüber nachdenken muss, welchen Sinn sie eigentlich gehabt haben. Die Geliebte hatte ihn gefragt, ob er sein ganzes Leben mit ihr verbringen könnte. Er hatte mit einem Wort geantwortet: "Sicher." Das Wort war weder wahr noch gelogen; es war ein Teil der Stimmigkeit, eines unbefragbaren Glücks, für das nur eines stimmt: Es geht vorüber. Genau so aber kann die Geliebte, die nach einer Bindung fragt, das Wort "sicher" sicher nicht verstehen.

Die Geschichte, nahe am Kitsch, den der Autor genial vermeidet, kreist um Dauer und Augenblick, um Unmittelbarkeit und Reflexion: "Wie anders ist das Leben, wenn man es lebt und wenn man es im nachhinein untersucht!" Das gelebte Leben und die Untersuchung kommen nicht zusammen. Dahinter steckt die Chance zur berühmten Ausrede: "Es war ja alles ganz anders!" Aber Gnade dem, dessen Leben von einer Behörde untersucht wird. Er wird seine Sprache, vor allem wenn er die Wahrheit sagt, nicht auf das geforderte Niveau bringen können: "Die Menschen möchten, dass man in jeder Lage aus einem bestimmten Grund handelt." Wer so einen Grund nicht vorweisen kann, der ist unverständlich - im schlimmsten Fall "schuldig".

Georges Simenon:Das blaue Zimmer Roman; aus dem Französischen von Angela von Hagen; detebe 21121, Diogenes Verlag, Zürich 2001; 176 S., 14,90 DM