Man täusche sich nicht. Wer aus dem Gespräch mit ihm den Eindruck des Biederen mitnimmt, hätte misskannt, dass sich hinter schwyzerischer Bürgerlichkeit ein vertracktes Gehirn, ein ausgefeilter ästhetischer Sinn und umfassend literarisch gebildete Neugier verbirgt: Daniel Keel, der im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag beging, in diesem Jahr das 30. Jubiläum der Diogenes-Taschenbücher feiern kann und mit einigermaßen apartem Debüt 1953 seinen Verlag gründete - 90 Zeichnungen von Ronald Searle mit einem Vorwort seines späteren Hausautors Friedrich Dürrenmatt; "die bösen Mädchen von St. Trinian's, die mit Maschinenpistolen in der Schule rumschossen und die Lehrerinnen folterten", so erinnert er sich lachend.

Dieses behagliche Gefallen am Abgründigen prägt bis heute das Profil des Verlages - nicht nur mit den Cartoonbüchern von Tomi Ungerer, Loriot und Sempé, sondern auch mit den literarischen Erfolgen wie Simenon oder Patricia Highsmith, von der er überzeugt ist, dass sie einmal den Rang eines E. A. Poe einnehmen wird; von seinem Grusel-Welterfolg Das Parfum zu schweigen.

Allein die Geschichte, wie er Süskind "verführte", wie er gegen des Autors Rat den Kontrabaß verlegte, wie er ihn so behutsam wie hartnäckig belagerte, bis er ihm endlich das "Ich habe da so einen Roman geschrieben" entlockte, das Manuskript in einer Nacht las und wusste: "Das ist es" - allein diese Geschichte genügte, den Verleger Daniel Keel zu charakterisieren, einen Mann präziser Vorlieben und von lesehungrigem Fleiß. Man trifft ihn, kaum zu glauben, fast immer zu Hause an, wo er liest, liest, liest:

Fritz J. Raddatz: Es ist ja ungewöhnlich, einen Verleger immer zu Hause zu überfallen, nicht nur ungehörig, aber auch ungewöhnlich.

Daniel Keel: Überhaupt nicht, hier können wir ungestört plaudern. Seit rund 30 Jahren mache ich das so, dass ich mindestens die halbe Woche hier bin, um in Ruhe zu arbeiten, zu planen und vor allem, um zu lesen.

FJR: Das heißt aber, dass Sie sich vom - ich sage jetzt mal grob: Management des Verlages sehr weit zurückgezogen haben?

DK: Das scheint vielleicht so, doch das Programm mache nach wie vor ich, ich bin allein verantwortlich und kümmere mich aber auch sehr um die Autoren, um PR, um Werbung, um die Ausstattung der Bücher, zum Beispiel die Umschläge. Oft suchen wir, auch die Lektorinnen und die Lektoren, monatelang nach einem Motiv. Manchmal kommen Vorschläge, die mir oder dem Autor nicht passen, dann wird weitergesucht, bis wir alle zufrieden sind.