Mitten in Schwabing gibt es ein paar Wege, die selbst alteingesessene Münchner nicht kennen. Auch im Stadtplan sind sie nicht zu finden. Es sind unterirdische Gänge, jeder mehr als hundert Meter lang. Das weit verzweigte Tunnelsystem verbindet gleich mehrere Gebäude im Gebiet zwischen Leopold- und Königinstraße - so entsteht aus einzelnen Häusern ein riesiger Bürokomplex.

Die verborgenen Wege sind typisch für den ganzen Konzern: Die Münchener Rück - immerhin der größte Rückversicherer der Welt - ist ein Unternehmen, das wenige wirklich kennen. Umso mehr Klischees haften ihm an. Einflussreich sei die Münchener Rück, heißt es. Und geheimnisvoll. "Das wahre Herz der Deutschland AG", meint ein französischer Bankenvorstand, "schlägt in München." Was er damit sagen will: Nicht die Banken in Frankfurt, sondern die beiden verschwisterten Versicherer im Süden der Republik - Allianz und Münchener Rück - bilden mit dem Geld ihrer Versicherten, mit den Beteiligungen an anderen Unternehmen und ihren Kontakten in die gesamte Wirtschaft eine so bedeutende Größe, dass keiner sie übergehen kann.

Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr. Es sind Versicherer, die sich heute eine Bank kaufen, nicht umgekehrt. Es sind Versicherer, denen nun riesige Summen für die private Altersvorsorge zufließen - und dieses Geld will angelegt werden. Gut für die Münchener Rück, dass sich die Allianz gern im Geldglanz sonnt. Abseits des Rampenlichts arbeitet es sich ungestörter.

Tatsächlich hat Hans-Jürgen Schinzler, der Chef der Münchener Rück, ganze Arbeit geleistet. Früher war sein Unternehmen nur ein Rückversicherer, bei dem sich Versicherer dagegen schützen konnten, im extremen Schadensfall viel zahlen zu müssen: bei Erdbeben und Sturmfluten, bei Brandkatastrophen oder einem Flugzeugabsturz. Heute macht "die Rück" auch mit Privatkunden große Geschäfte. Die Tochtergesellschaft Ergo - mit den Marken Victoria, Hamburg-Mannheimer, DKV und D.A.S. - ist hinter der Allianz die deutsche Nummer zwei. Nur: Die wenigsten Victoria-Kunden wissen, dass ihr Geld in Wahrheit bei der Münchener Rück landet. Verborgen eben.

Zwar übernimmt die Allianz gerade mit großem Rummel die Dresdner Bank. Doch vielen gilt die Münchener Rück als heimlicher Gewinner des Deals. Am Ende des komplizierten Aktientausches erhält sie, ohne eine Mark in die Hand zu nehmen, einen größeren Anteil an der HypoVereinsbank, und die Allianz legt noch einen dreistelligen Millionenbetrag obendrauf. Hinzu kommt die traditionelle Nähe der beiden Versicherungsriesen: Sie haben nicht nur die gleichen Gründerväter, sondern halten sich durch eine Überkreuzbeteiligung von mehr als 20 Prozent auch gegenseitig den Rücken frei.

So etwas setzt Fantasien frei - vor allem, wenn man als verschlossen gilt. Als die Münchener Rück im vergangenen Jahr das erste Mal eine Analystenkonferenz organisierte, scherzte Vorstandschef Schinzler, er zeige sich den Finanzprofis nur, "damit sie sehen, dass es mich tatsächlich gibt". Sonst meidet der 60-Jährige öffentliche Auftritte, so gut es geht. Die Münchener Rück ist der einzige deutsche Finanzkonzern, in dessen Aufsichtsrat keine betriebsfremden Gewerkschafter sitzen. Alle elf Vorstände sind Eigengewächse; anders als beim Schwesterkonzern Allianz, dessen Vorstandschef Henning Schulte-Noelle den Investmentbanker Paul Achleitner ins Führungsgremium holte. Und wer einmal bei der Rückversicherung arbeitet, der bleibt. "Unsere Leute überlegen es sich gut, ob sie weggehen", sagt Nikolaus von Bomhard, mit 44 Jahren der zweitjüngste im Vorstand. "So viel bewegen kann man woanders nicht."

Jetzt allerdings ist der ganze Konzern in Bewegung. Man will mehr Umsatz mit privaten Kunden machen, aber dennoch ein Rückversicherer bleiben. Man setzt auf lukrative Vermögensverwaltung, hat aber Probleme beim Vertrieb von Fonds. Man will mehr Policen über die Filialen der HypoVereinsbank vertreiben, die Bank selbst aber nicht kaufen. Ganz gleich, wie dieses Hin und Her ausgeht, bedeutet es mit Sicherheit eines: das Ende einer ungewöhnlichen Unternehmenskultur.