DIE ZEIT: Welche Sünde darf ein Finanzminister nie begehen?

Theo Waigel: Er sollte nie nie sagen. Jeder Finanzminister wird permanent gefragt: Schließen Sie dieses, schließen Sie jenes aus? Wenn er sich festlegt und dann in drei, vier Jahren doch anders handeln muss, weil sich die Lage geändert hat, heißt es sofort: Du lügst.

Als mir nach der deutschen Wiedervereinigung ständig die Frage gestellt wurde, ob die Steuern erhöht werden, habe ich nie ja oder nein gesagt. Stattdessen habe ich es mit Kunstgriffen versucht: "Es ist nicht meine Planung", oder: "Wir haben das nicht vor." Jeder Finanzminister muss sich Bewegungsfähigkeit erhalten.

ZEIT: Darf ein Finanzminister lügen?

Waigel: Er darf nicht lügen, aber er muss nicht alles sagen. Ein Beispiel: Wenn wichtige Währungsentscheidungen bevorstehen, muss er notfalls wider besseres Wissen klar sagen: Nein, das findet nicht statt. Nur so kann er Schaden abwenden, der eine Volkswirtschaft ruinieren könnte. Ich hatte einmal bei der Verleihung des Romano-Guardini-Preises an den polnischen Außenminister Bartoszewski in der Katholischen Akademie München Kardinäle, Bischöfe und habilitierte Theologen gefragt: Jetzt sagt mir mal aus der katholischen Theologie, wie man sich verhalten soll. Die Außenminister haben es gut, die können immer das Gute, Edle, Wahre, Schöne verkünden. Wir Finanzminister dagegen müssen das Unangenehme mitteilen, müssen sogar in bestimmten Fällen, um eines wichtigen Zieles willen, lügen. Die Theologen behelfen sich mit der in solchen Fällen gerechtfertigten Notlüge.

ZEIT: Ist es auch eine Notlüge, wenn der Finanzminister neue Löcher im Haushalt verschweigt?

Waigel: Er sollte es offen sagen, sobald er einen einigermaßen klaren Überblick hat. Die Öffentlichkeit hört es lieber von dem Verantwortlichen als aus anderen Quellen. Außerdem behält er das Gesetz des Handelns in der Hand. In diesem Jahr hätte ich anstelle des Finanzministers und des Bundeskanzlers die Zahl für das Wirtschaftswachstum früher nach unten korrigiert und nicht so lange gewartet. Die nächste Korrektur wird sonst als Eichel-Loch bezeichnet.