Zum Redaktionsschluss zeichnete sich auf den Britischen Inseln ein Politikwechsel ab: Tony Blair wird zum zweiten Mal Premierminister, aber er verlässt den Dritten Weg. Im Wahlkampf der vergangenen Wochen war jedenfalls kaum noch etwas vom einstigen Markenzeichen New Labours zu hören, der Ideologie "jenseits von links und rechts", der umfassenden "Erneuerung der Sozialdemokratie". Eine stille Beerdigung. Muss man trauern?

Korrektur: Der Dritte Weg ist quicklebendig. Anthony Giddens, Direktor der London School of Economics, hat gerade sein viertes Buch zum Thema veröffentlicht: Die Globale Debatte um den Dritten Weg. Giddens und ein Club aus Akademikern, Politikberatern und Journalisten laden zu gelegentlichen Gipfeltreffen und Debattenrunden, in aller Welt erscheinen Bücher wie Unternehmen und der Dritte Weg, Sozialarbeit und der Dritte Weg und sogar Die Baubranche: Der Dritte Weg. Doch die Lehre hat sich in einen Exportartikel verwandelt - zur Ausfuhr in ferne Länder, in zweitrangige akademische Zirkel.

In der Labour-Parteizentrale ist "das Projekt" seit Monaten abgebrochen. Wie zuvor schon die Stakeholder-Society, die Kommunitarismus-Debatte und ein Brainstorming-Netz namens Nexus.

Das ist im Grunde erstaunlich. Eigentlich war der Dritte Weg einmal als Kursbestimmung für New Labours Politik gedacht - und so etwas wird in einer zweiten Legislaturperiode noch wichtiger. Wesentliche Startpunkte der wirtschaftspolitischen Debatte waren:

- Neue wirtschaftliche Rezepte müssen in den modernen Kapitalismus passen. Im weltweiten Wettbewerb um Güter und Kapital können selbst eingefleischte Sozialdemokraten nicht mehr so, wie sie wollen - etwa besteuern, umverteilen, Geld drucken.

- Wenn die Ideologie futsch ist, ist die Zeit für Experimente gekommen: wirtschaftspolitische Pilotprojekte, Reformversuche an der Verwaltung, neuartige Zusammenarbeit zwischen Ämtern, Unternehmen und Bürgergruppen.

"Radikaler Empirismus" wurde zum Rezept des Dritten Weges, Versuch und Fehler (Trial and Error) sind erlaubt, und Tony Blair findet: "Wichtig ist, was funktioniert." Solange es "flexibel, innovativ und vorwärts blickend" ist.