Als der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats am 10. April zusammentrat, hatte er sich wieder einmal mit alten Bekannten auseinander zu setzen. So fielen neben der Bild-Zeitung, diesmal für die Trittin-Berichterstattung gerügt, zwei Zeitschriften unangenehm auf: Coupé - die junge Illustrierte und Blitz-Illu, beide aus dem Wiesbadener Klaus-Helbert-Verlag (KHV). An diesem Tag verteilten die Medienwächter gleich zwei öffentliche Rügen an Coupé für angeblich authentische Reportagen, die in Wirklichkeit frei erfunden sind. Rüge Nummer 15 und 16 für die Helbert-Presse, ohne dass sich eine Besserung des Delinquenten abgezeichnet hätte. Nun hat der KHV seine Zelte in Wiesbaden abgebrochen, sich in Intermedia Content KG umbenannt und ist nach Hamburg gezogen, unter das Dach der Heinrich-Bauer-Gruppe. Besteht Hoffnung auf Läuterung? "Endlich kommt Schwung in die Sache", freut sich jedenfalls Lutz Tillmanns vom Deutschen Presserat. Coupé-Chefredakteur Peter Rensch, erst seit Februar im Amt, hat große Pläne - er will aus dem Softsexmagazin "den jungen stern, die junge Bild" machen.

Da hat er einen weiten Weg vor sich. Noch im März meldete Coupé: Perverse Pfarrer sind Handlanger der Kinderporno-Mafia! Ein "junges, heißes Coupé-Team" um Chefreporter Michael Weiden habe unter Lebensgefahr einen Kinderpornoring zerschlagen. Der Pfarrer einer deutschen Kleinstadt habe mehrfach Kinder in einen Keller gelockt, wo sie von Päderasten sexuell missbraucht und dabei für Internet-Pornoseiten gefilmt worden seien.

Gefälschter Geistlicher

Hat Coupé tatsächlich einen kaum fassbaren Kirchenskandal aufgedeckt? Die Zentralstelle der Deutschen Bischofskonferenz hat gegen den Artikel sofort Beschwerde beim Presserat eingereicht. Ein Sprecher erklärt: "Die Reportage schließt von einem Einzelfall auf die Gesamtheit aller Pfarrer, es findet eine Vorverurteilung statt. Und das Aufmacherfoto ist eine Fälschung." Das Bild zeigt einen "Pfarrer", den Coupé-Reporter angeblich aus dem Busch heraus gefilmt haben, wie er "zwei weinende Kinder ins schmuddelige Pornostudio zerrt". Doch der Mann auf dem Foto ist gar kein Geistlicher, sondern ein Fotomodell. Auf dem Kopf trägt er das Birett, den viereckigen schwarzen Kirchenhut. Dazu kleidet ihn eine schwarze Mönchskutte, als Gürtel dient das Cingulum der Franziskaner. Die tragen allerdings gewöhnlich braune Kutten und vor allem keinen Hut.

Pfarrerhut mit schwarzer Mönchskutte und Gürtelschnur - so würde sich ein echter Geistlicher noch nicht einmal im Karneval verkleiden. Vermutlich ist das Foto auf dem Gelände des alten Wiesbadener Schlachthofs entstanden, das dem Helbert-Personal auch als Firmenparkplatz dient, keine 300 Meter vom Verlagshaus entfernt. "Die machen oft Fotos hier", hat Sven Vogel, 23, beobachtet, der sich dort regelmäßig mit seinem Freund Alexander Leschnik, 26, zum Skaten und BMX-Radfahren trifft. "Das weiß jeder hier in Wiesbaden, dass die Geschichten nicht stimmen", ergänzt Leschnik. Coupé-Chefredakteur Rensch beteuert hingegen: "Der Pfarrer-Artikel ist authentisch, der ist niet- und nagelfest. So etwas können Sie nicht türken, bei uns wird jede Geschichte von einem Anwalt gelesen."

Fragt sich nur, warum es für ein solches Verbrechen keinerlei Anhaltspunkte gibt. Obwohl Coupé-Reporter die Polizei immer auf dem Laufenden gehalten haben wollen, hat das Bundeskriminalamt keine Kenntnis von dem Fall. Hinzu kommt, dass der Held der Geschichte, "Chefreporter Michael Weiden", im Hause Helbert unbekannt ist. Drei Monate nachdem Bauer den Helbert-Verlag übernommen hat, war von einem Wandel hin zum seriösen Journalismus noch nichts zu spüren. Stattdessen wird der gefälschte Pfarrer-Artikel gläubige Christen in ihrem religiösen Empfinden verletzen. Vom Wahrheitsgehalt ganz zu schweigen.

Das Konzept von Coupé setzte auf Sex, Angst und Kriminalität. "Die Reportagen wirken so real, so nah am eigenen Leben, dass dort den Menschen Angst eingejagt wird", sagt der Frankfurter Medienpsychologe Heiko Bolz vom Berufsverband Deutscher Psychologen. "Ich war so geschockt, dass mir körperlich übel wurde", schildert Bolz nach der Lektüre der Reportage "Igitt, beim Döner von der Imbissbude kaute ich auf verschimmeltem Hundefutter!", ebenfalls aus der Coupé-Märzausgabe. Vier junge Leute seien nach dem Besuch von Imbissbuden bereits an Lebensmittelvergiftung gestorben, heißt es da.