Er ist schließlich bloß ein Schriftsteller", sagte meine Großmutter immer, wenn jemand etwas besonders Groteskes aus dem Leben der Literaten erzählte. "Was will man da schon erwarten?" Sie liebte die Bücher, aber sie hatte fast nur Skepsis und Ironie für die Leute übrig, die diese Bücher schrieben.

Der englische Schriftsteller Tim Parks, der sicher das Wachsmuseum erfunden hätte, wenn es nicht schon erfunden wäre, hat vor einiger Zeit einen langen Blick auf Jorge Luis Borges geworfen, und weil Parks immerhin weiß, dass Wachs alleine nicht reicht, gibt er uns die Details, die Borges' Geschichte gleichzeitig erheiternd und deprimierend machen: Seine Laufbahn beginnt, als er 1921 nach sieben Jahren in Europa nach Argentinien zurückkommt. Er ist zweiundzwanzig. Seine Eltern finden, dass er zu Hause bleiben kann. Er muss nicht an die Universität, und er muss sich auch keine Arbeit suchen. Er liest und schreibt, schließt literarische Freundschaften und macht wohlhabenden jungen Frauen den Hof, die keinerlei Neigung haben, ihn zu heiraten oder mit ihm zu schlafen.

Je weniger Neigung sie zeigen, mit ihm zu schlafen, desto mehr liest und schreibt er. Als sein Vater stirbt, sieht Borges sich gezwungen - er ist jetzt Ende dreißig -, sich Arbeit zu suchen. Er wird Kolumnist bei einer Frauenzeitschrift und schreibt erstklassige prägnante Artikel. Später muss er eine Tätigkeit als Angestellter in einer Vorstadtbibliothek annehmen. Den größten Teil dieser neun Jahre verbringt er damit, im Keller zu lesen und zu schreiben und seinen Kollegen aus dem Weg zu gehen. Schließlich glaubt er - jetzt Anfang vierzig - die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Er spaziert mit Estela Canto durch die warmen Abende in Buenos Aires und ruft dabei in regelmäßigen Abständen aus Telefonzellen seine Mutter an, um ihr zu versichern, dass er bald nach Hause komme. Als Estela seinen Heiratsantrag ablehnt, verlegt er sich noch intensiver aufs Lesen und Schreiben.

"Zu wenig frische Luft", hätte meine Großmutter gesagt. Aber frische Luft hält die Leute auch nicht unbedingt davon ab, immer wieder die Mama anzurufen, wie der Fall Jack Kerouac zeigt. Und dann haben die meisten Schreiber einen unüberwindlichen Hang zur Bibliothek, zum Kloster, wo sie schließlich herkommen: lesen und schreiben und kopieren und gewaltige Visionen haben - das ist das Leben.

Sherwood Anderson, der 1876 in Ohio geboren wurde, hat das Leben immer außerhalb der Klostermauern gesucht. Er fing spät, Mitte dreißig, mit dem Schreiben an. Davor war er Fabrikarbeiter, Soldat, Werbetexter, Unternehmer. 1916 kam der erste Roman, 1917 der zweite, Marching Men; 1918 ein Gedichtband, und dann, 1919, kam das Buch, das ihn berühmt gemacht hat, ohne das die amerikanische Literatur heute wahrscheinlich anders aussehen würde - Winesburg, Ohio, eine Folge von einundzwanzig locker miteinander verbundenen Geschichten über einige Bewohner der fiktiven Kleinstadt Winesburg. Die Titel klingen wie die Titel von Traktaten, aber die Geschichten sind alles andere als Traktate: Papierkügelchen - über Doktor Reefy, Achtbare Leute - über Wash Williams, Die Lehrerin - über Kate Swift.

Der alte Doktor Reefy notiert sich seine Einfälle auf Papierschnitzel, steckt sie dann achtlos in die Tasche und wirft sie irgendwann, wenn sie sich zu Papierkügelchen zusammengerollt haben, wieder weg, obwohl sie seine ganze Welt sind, seine Wahrheit: "Die Wahrheit überschattete die Welt, wurde fürchterlich und verblaßte dann. Und die kleinen Gedanken begannen von neuem."

Eine junge Frau, Alice Hindman, läuft, verrückt vor Einsamkeit, nackt in den Regen hinaus und ruft einem Fremden zu, er solle auf sie warten, und dieser Fremde ist ein schwerhöriger alter Mann. Als sie später im Bett liegt, heißt es: "Sie versuchte sich zur Einsicht zu zwingen und mutig damit abzufinden, daß manche Leute allein leben und allein sterben müssen, auch in Winesburg."