Er war nicht nur immer jung, er war auch ein naiver, romantischer, ängstlicher Kommunist. Als der Schriftsteller Waldo Frank zusammengeschlagen wird, während er streikenden Arbeitern das Essen bringen will, entschuldigt sich Anderson, der eigentlich hätte dabei sein sollen, mit Arbeit. Er kann nicht mitgehen. Und schreibt dann an Eleanor: "Habe ich Angst, getötet zu werden? Ja. Habe ich Angst, geschlagen zu werden? Ja." Und dann: "Keine Grausamkeit, die sich möglicherweise in einer kommunistischen Gesellschaft entwickelt - als Nebenwirkung bei dem Versuch, das auf den Weg zu bringen - ist mit der fortgesetzten täglichen Grausamkeit unserer derzeitigen kapitalistischen, individualistischen Gesellschaft vergleichbar."

Auch wenn die Wirtschaftskrise grausam war, fürchterlich, und auch wenn er nicht gewusst hat, von welcher revolutionären Grausamkeit er redet, ist das - die Angst vor körperlichen Schmerzen und das gleichzeitige Plädoyer für revolutionäre Grausamkeit - wirklich mehr als naiv. Es ist grotesk. "Er ist schließlich bloß ein Schriftsteller", hätte meine Großmutter gesagt. Und wir spüren das eben immer wieder, dass wir alle groteske Figuren sind.

Sherwood Anderson:Für Eleanor Geheime Briefe an die Geliebte; aus dem Englischen von Gerhard Kelling; Achilla Presse, Hamburg/Bremen 1994; 401 S., 45,- DM

Pferde und Männer Erzählungen; aus dem Englischen von Jürgen Dierking; Achilla Presse, Hamburg/Bremen 1996; 379 S., 40,- DM

Das triumphierende Ei Erzählungen; aus dem Englischen von Jürgen Dierking; Achilla Presse, Hamburg/Bremen 1997; 278 S., 40,- DM

Winesburg, Ohio Eine Reihe Erzählungen aus dem Klein- stadtleben Ohios; aus dem Englischen von Hans-Erich Nossack; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1958 und 2000; 261 S., 29,90 DM