Heinz Berggruen, 87, ist einer der bedeutendsten Kunstsammler der Welt. Der Sohn eines deutsch-jüdischen Schreibwarenhändlers verließ 1936 mit 22 Jahren das nationalsozialistische Deutschland und zog zunächst in die USA. In Paris eröffnete er 1947 seine erste Galerie; er war befreundet mit Pablo Picasso und Henri Matisse. Nach sechs Jahrzehnten Exil kehrte er 1996 zurück in seine Heimatstadt Berlin - mit mehr als hundert Meisterwerken. Ausgestellt sind sie gegenüber von Schloss Charlottenburg im Stülerbau, in dem Berggruen auch lebt

Was Kunst angeht, sah es bei uns zu Hause ziemlich trostlos aus. Den banalen Landschaftsbildern, den Blumenstillleben habe ich nie besondere Beachtung geschenkt. In unserer Wohnung diente Kunst nur als Dekoration. Sie gehörte einfach zu einer bürgerlichen Familie konventionellen Zuschnitts, genauso wie die falschen französischen Möbel, der Besuch in der Oper oder das Theater-Abo. Ins Museum gingen wir nie.

Unser Schreibwarengeschäft in der Konstanzer Straße muss gut gelaufen sein, denn meine Eltern konnten sich den Luxus eines Automobils leisten. Ab und zu half ich im Geschäft mit. Bei uns kauften viele Ausländer ein, vor allem Japaner und Perser, die in Berlin studierten. Ich war sehr neugierig auf diese Menschen, auf ihr Benehmen und ihr Verhalten. Diese Neugierde hat mich später auch in andere Länder getrieben. Dass ich das Geschäft meiner Eltern übernehmen sollte, war nie geplant. Sie merkten schon bald: Der Junge hat seltsamerweise literarische Ambitionen.

Meine ersten schriftstellerischen Gehversuche unternahm ich mit ungefähr 14 Jahren. Der damals sehr bedeutende Ullstein-Verlag veröffentlichte meine Geschichten in seiner Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin . Ich bekam dafür jeweils zwölf Mark, worauf ich sehr stolz war.

Wie es sich für eine bürgerliche Familie gehörte, hatten wir auch eine Zeitung abonniert, das Berliner Tageblatt. Schon sehr früh, als 16-Jähriger, begann ich darin zu lesen. Der größte Genuss war das Feuilleton. Natürlich begeisterte ich mich für Alfred Kerr, den großen Theaterkritiker. Noch mehr jedoch bewunderte ich Fred Hildenbrandt, der das Feuilleton leitete. Er pflegte einen leichten, ironischen Stil, wie man ihn später bei Alfred Polgar wunderbar wiederfinden konnte. Mein Traum: Ich wollte ein Hildenbrandt werden.

Der Deutschunterricht am Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf hat ganz sicher nicht dazu beigetragen, dass ich mich für Literatur begeisterte. Ich kann mich nicht einmal mehr an meinen Deutschlehrer erinnern - er muss also eine eher blasse Erscheinung gewesen sein. Was mich als junger Mensch antrieb, war einfach der Wunsch, etwas auszudrücken. Als ich vor fünf Jahren nach Berlin zurückkehrte, erwachte dieser Trieb wieder in mir. Dabei bin ich mit meiner jetzigen Tätigkeit im Museum ausreichend beschäftigt.

Großes Vergnügen bereitet es mir immer, wenn Schulklassen zu uns in den Stülerbau kommen. Zu meiner Zeit gab es Kunst noch nicht als Schulfach. Unser Direktor hatte jedoch Kunstgeschichte studiert - und ging mir ziemlich auf die Nerven. Er traktierte uns mit Diskursen über einen Maler, den er unheimlich schätzte: den Schweizer Arnold Böcklin, dessen Todestag sich im Januar dieses Jahres zum hundertsten Mal jährte. Ich konnte mit Böcklins Bildern nichts anfangen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die verschwommene Spätromantik der Toteninseln , die ganze Atmosphäre, die seine Kunst vermittelte, stieß mich ab. Mein späteres Kunstverständnis war auch eine Reaktion auf Arnold Böcklin.

Nach dem Abitur ging ich nach Frankreich, weil mich das Land faszinierte. In Toulouse studierte ich französische Literatur, um mich der Sprache anzunähern; und Kunstgeschichte, weil ich auch das für einen guten Weg hielt. Nach dem Examen kehrte ich zurück nach Berlin und schrieb für die Frankfurter Zeitung .

Meine Beiträge durfte ich jedoch nur mit h.b. zeichnen - weil ich Jude war. Dabei hatte die Religion bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt. Meine Eltern gingen nur zweimal im Jahr in die Synagoge: am Neujahrsfest und zu Jom Kippur - und das auch nur, um innerhalb der jüdischen Gemeinde keinen Anstoß zu erregen. Allmählich wurde mir die politische Situation bewusst. Ich merkte, dass mir beruflich viele Wege versperrt waren. Eine Zukunft gab es für mich in Deutschland nicht. 1936 wanderte ich mit einem Berkeley-Stipendium nach Amerika aus.

Obwohl mein Englisch alles andere als perfekt war, arbeitete ich weiter als Journalist, wurde sogar Redaktionsmitglied des San Francisco Chronicle. Ich schrieb vor allem über Kunst. Nach einem Jahr bot mir das San Francisco Museum of Art eine interessante Stelle an. Hier sah ich zum ersten Mal Bilder von Paul Klee, von dem ich bis dahin nur wenig gehört hatte. Klee zog mich sofort in seinen Bann. Das erste Bild, das ich selbst erwarb, war auch ein Klee: Perspectiv-Spuk . Es wurde mir 1939 auf meiner Hochzeitsreise für 100 Dollar angeboten. Klee war der erste Maler, dessen Gesamtwerk mich intensiv beschäftigte. Er hatte großen Einfluss auf meine weitere Entwicklung. So bin ich zwar kein Hildenbrandt geworden, aber ein, wie ich glaube, recht erfolgreicher Kunsthändler. Ich bedaure sehr, dass ich Paul Klee nie persönlich kennen gelernt habe.

Aufgezeichnet von Alexander Kühn