Hyde ist eine zwischen das betongraue Manchester und die grünen Hügel des High Peak eingebettete Textilstadt aus der Zeit der Königin Viktoria. Zwei rostrote Backsteinfabriken, von winzigen Backsteinhäusern gesäumte Straßen, wachsbleiche Menschen. Es ist eine Stadt, an der vier Jahre New Labour so spurlos vorübergegangen sind wie das ganze 20. Jahrhundert. Die Bewohner charakterisieren Hyde als "engmaschig" und "eine fest gefügte Gemeinde". Das moderne Leben hat eigentlich nur in der Gestalt von Autos und vier Arztpraxen Einzug gehalten. Jeweils fünf Ärzte kümmern sich in drei dicht beieinander liegenden Health Centres und in einer Surgery um das sieche Körpergewebe der Bevölkerung.

Bis 1998 führte ein Doktor Shipman die Surgery allein. Er war der bei seinen Patienten beliebteste Arzt der Stadt und obendrein ein angesehener Bürger, Vorsitzender des Ambulanzdienstes St. Johannes, Mitglied des Elternbeirates der Longdendale School, Mitglied der Gesellschaft zur Erhaltung des Rochdale-Kanals sowie Vater von vier Kindern und treu verheirateter Ehemann. Sein Sprechzimmer war sechs Tage in der Woche offen, das Wartezimmer fast immer voll.

Ein guter Doktor: Er nahm sich Zeit

"Er setzt sich voll für seine Patienten ein", hieß es und: "Manche Ärzte haben schon ein Rezept ausgeschrieben, bevor man sich hinsetzt. Nicht er - er hört zu und nimmt sich Zeit." Die zu ihm kamen, waren ihm so treu ergeben, dass sie aus freien Stücken 19 000 Pfund in einen Fonds zur Erneuerung der Praxiseinrichtung zahlten.

Auch die Familie der 81-jährigen Laura Kathleen Wagstaff schickte Dr. Shipman nach deren Tod eine Spende sowie eine Karte folgenden Inhalts: "Unseren tiefsten Dank für all die Aufmerksamkeit, die Sie unserer Mutter geschenkt haben. Es war ein Trost zu wissen, dass Sie in ihren letzten Lebensminuten bei ihr waren. Wir könnten uns keinen besseren und sorgfältigeren Arzt vorstellen."

Es war ein Gruß an einen Mörder. Der "beste und sorgfältigste Arzt" hatte die alte Dame umgebracht. Zwischen 1985 und 1998 fand in Hyde eine außerordentliche Mordserie statt. Die Opfer waren alleinstehende, ältere Frauen. Der Tod ereilte sie meistens am Nachmittag. Oft saßen sie in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer. Manche kannten sich, andere waren miteinander verwandt. Aber niemand merkte, was vor sich ging.

Niemand merkte es, obwohl es immer der gleiche Mann war, der die Toten fand oder der ihnen kurz vor ihrem Tod einen Besuch abgestattet hatte. Heute gilt Harold Frederik Shipman als einer der - sieht man von Diktatoren, Terroristen und Militärs ab - schrecklichsten Mörder der Geschichte. Im Januar 2000 wurde er von einem Schwurgericht im nahen Preston des 15-fachen Mordes schuldig gesprochen. Seither multipliziert sich die ihm angelastete Todesrate fast monatlich. Ein Beamter klassifizierte nach einer eingehenden Untersuchung 25 weitere Tode seiner Patientinnen als "gesetzeswidrige Tötung". Die Polizei dehnte daraufhin ihre Untersuchungen auf 64 zusätzliche Fälle aus.