Es war im Morgengrauen an einem Frühlingstag des Jahres 1944, als ich in Auschwitz ankam. Unser Zug mit den Viehwaggons hielt plötzlich an. Ich hörte draußen deutsche Stimmen Befehle brüllen. Unsere Familie bestand aus meinem Vater, meiner Mutter, meiner ältesten Schwester Edit, meiner mittleren Schwester Aliz und Miriam und mir, wir waren erst zehn Jahre alt. Sobald wir auf den zementierten Bahnsteig hinaustraten, packte meine Mutter meine Zwillingsschwester und mich an der Hand, weil sie hoffte, uns so irgendwie zu beschützen. Alles ging ganz schnell. Als ich mich umschaute, merkte ich plötzlich, dass mein Vater und meine beiden älteren Schwestern verschwunden waren - ich sah keinen von ihnen jemals wieder.

Als Miriam und ich uns an die Hand meiner Mutter klammerten, eilte ein SS-Mann vorbei und rief: "Zwillinge! Zwillinge?" Er blieb stehen und schaute meine Zwillingsschwester und mich an, weil wir gleich gekleidet waren und uns sehr ähnlich sahen. "Sind das Zwillinge?", fragte er. "Ist das gut?", fragte meine Mutter. "Ja", nickte der SS-Mann. "Ja, sie sind Zwillinge", sagte meine Mutter. Ohne Warnung oder Erklärung riss er Miriam und mich von Mutter weg. Unser Schreien und Flehen traf auf taube Ohren. Ich erinnere mich daran, wie ich zurückschaute und sah, dass meine Mutter ihre Arme voller Verzweiflung ausstreckte, während sie von einem SS-Soldaten in die entgegengesetzte Richtung gezerrt wurde. Ich kam nicht dazu, ihr "Auf Wiedersehen" zu sagen, und ich kam nie mehr dazu, denn dies war das letzte Mal, dass wir sie sahen. (...)

Wir wurden zu einem riesigen Gebäude gebracht und erhielten den Befehl, uns nackt auf Bänke zu setzen, während unsere Kleidung weggebracht wurde. Es war spät am Nachmittag, als unsere Kleidung zurückkam. Auf dem Rücken war ein großes rotes Kreuz aufgemalt. Dann begann unsere Behandlungstortur. Als sie meinen Arm packten, um ihn zu tätowieren, begann ich zu kreischen, zu treten und zu zappeln. Vier Leute hielten mich fest, mit all ihrer Kraft, während sie einen stiftartigen Apparat erhitzten, bis er rotglühend war. Dann tauchten sie ihn in Tinte und brannten Punkt für Punkt in Großbuchstaben die Nummer A-7063 in mein Fleisch.

Wir wurden in eine Baracke voller Mädchen gebracht, Zwillinge im Alter von ein bis dreizehn Jahren. Damals erfuhren wir von den riesigen rauchenden Kaminen und den lodernden, hoch über sie hinausschlagenden Flammen. Wir hörten von den zwei Gruppen von Leuten, die wir auf der Selektionsrampe gesehen hatten, und was mit ihnen geschehen war. Wir erfuhren, dass wir nur deshalb noch am Leben waren, weil Dr. Mengele uns für seine Experimente verwenden wollte. (...)

Ehe ich wieder versuchte zu schlafen, gingen Miriam und ich zur Latrine am Ende der Baracke. Auf dem schmutzigen Boden lagen die Leichen von drei Kindern. Ihre Körper waren nackt und ausgemergelt, und ihre weit aufgerissenen Augen starrten mich an. Da wurde mir klar, dass dieses Schicksal auch Miriam und mir drohte, wenn ich nichts dagegen unternahm, um es zu verhindern. Also fasste ich einen stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt, um zu verhindern, dass Miriam und ich auf diesem dreckigen Latrinenboden enden."

Nichts auf der Welt kann einen Menschen auf einen Ort wie Auschwitz vorbereiten. Als Zehnjährige wurde ich einer besonderen Gruppe von Kindern zugeteilt, die von Dr. Josef Mengele als menschliche Versuchskaninchen verwendet wurden. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten. (...)

Nach einer Injektion in Mengeles Labor wurde ich sehr krank. Ich versuchte diese Tatsache zu verheimlichen. Es ging das Gerücht um, dass keiner, der in die Krankenabteilung gebracht wurde, je zurückkehrte. Bei meinem nächsten Besuch im Labor wurde bei mir Fieber gemessen, und man brachte mich in die Krankenabteilung. Am nächsten Tag schaute ein Team, bestehend aus Dr. Mengele und vier anderen Ärzten, meine Fieberkurve an und erklärte: "Schade, dass sie noch so jung ist. Sie hat nur noch zwei Wochen zu leben." Ich weigerte mich, das Urteil anzunehmen. Und fasste meinen zweiten stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um gesund und wieder mit meiner Schwester Miriam vereint zu werden." In der Krankenhausbaracke erhielten wir kein Essen und keine Medikamente. Die Leute wurden in diese Baracke gebracht, um zu sterben oder auf einen Platz in der Gaskammer zu warten. Ich war sehr krank, geschüttelt vom Fieber, hing zwischen Leben und Tod. Ich erinnere mich daran, dass ich auf dem Boden der Baracke aufwachte. Ich kroch, weil ich nicht mehr laufen konnte. Ich wollte zu einem Wasserhahn am anderen Ende der Baracke. Dabei wurde ich immer wieder bewusstlos. Ich sagte mir immer wieder: "Ich muss überleben. Ich muss überleben."