Je unergründlicher Geheimnisse erscheinen, desto gründlicher lässt sich versuchen, ihre Enthüllung auf einen vieldeutigen oder scheinbar eindeutigen Nenner zu bringen. So auch die Frage, wer jenen türkischen Terroristen beauftragt oder/und begünstigt hat, der vor 20 Jahren auf dilettantischste Weise, ohne jede Fluchtchance, auf dem Petersplatz in Rom die Pistole erhob und auf den Papst feuerte - ein Attentat, das er fünf Monate vorher schon einer Zeitung brieflich angekündigt hatte.

Dann vernebelte dieser Ali Agca die Hintergründe durch wirre, total widersprüchliche Geständnisse so, dass der Versuch, sie aufzudecken, nach 13 Jahren auch vom italienischen Ermittlungsrichter Rosario Priore aufgegeben wurde. Ihm jedoch, seinen Akten und Informationen verdankt nun Valeska von Roques, die frühere Spiegel-Korrespondentin in den USA und in Rom, Einblicke und Ausblicke, die sie zu jahrelangen eigenen Nachforschungen anregten. Dabei stieß sie nicht nur auf den Dschungel geheimdienstlicher, politischer und krimineller Machenschaften, sondern bewegte sich auch in der Flut einer Enthüllungsliteratur, deren Glaubwürdigkeit leicht zu hinterfragen und dadurch zu übertreffen ist.

So ist ein durchaus spannendes Buch entstanden, das neue, teils überzeugende, teils wiederum zweifelhafte Erkenntnisse über den misslungenen Mordanschlag auf den polnischen Pontifex vermittelt. Die lange vorherrschende These von einem aus Moskau gesteuerten bulgarischen Komplott gegen Johannes Paul II. wird ziemlich eindeutig demontiert; nicht nur, weil sich die angeblich Beteiligten "reichlich tollpatschig" benahmen, sondern auch weil die Autorin die eigentlichen Anstifter des Verbrechens in Amerika, Frankreich und im Vatikan entdeckt zu haben glaubt. "Mit einer Menschenverachtung, die in der Gegenwartsgeschichte des Westens kaum übertroffen wurde, ist das Attentat auf den Papst inszeniert worden", urteilt Valeska von Roques und entlarvt als Regisseur zwar nicht die CIA als solche, doch amerikanische Geheimdienstmitarbeiter, die dem sowjetischen "Reich des Bösen" die Untat in die Schuhe schieben wollten. Und dies mit diskreter Hilfe ihrer französischen Kollegen, deren Chef sogar eine Warnung nach Rom schickte, deren Quelle verschwiegen wird.

Wenn man aber, wie die Autorin, den im Gefängnis geschriebenen Memoiren des kriminellen italienischen Geheimdienstlers Pazienza glaubt, dann steckte hinter allem ein mafioser und auch vom Fatima-Wunderglauben angestachelter "Untergrundkrieg der Fraktionen" im vatikanischen Hofstaat, ebenjene Verschwörung, die den Titel des Buches liefert. Sogar Agostino Casaroli (1914-1998), der Architekt der vatikanischen Ostpolitik, wird mit absurder Logik als "einer der schärfsten Gegner des Papstes" bezeichnet, obwohl ihn dieser zum Kardinalstaatssekretär erhob. In Polen war der Warschauer Primas Wyszynski ein Kritiker des vatikanischen Dialogs mit den Kommunisten, nicht jedoch der Krakauer Kardinal Wojtyla, der deshalb auch als Papst mit Casaroli dessen Kurs fortsetzte, ja forcierte. Und dann Opfer der "kriminellen Phantasie" vatikanischer Verschwörer wurde?

Immer schon eignete sich die vermauerte Welt des Vatikans als Markt für Geheimniskrämer, echte und falsche, zumal wenn sie - trotz der Erfahrung von Jahrhunderten - überzeugt sind, "daß die katholische Kirche an ihren eigenen Lebenslügen zu Grunde geht". So wie Valeska von Roques im Nachwort ihres Buches, für das sie - laut Widmung - einem "Padre P. G." wichtige Einsichten verdanke. Auch Absichten? Frustrierte Kleriker brauchen keinen Ali Agca, um ihr verkanntes Idol aufs Korn zu nehmen.

Valeska von Roques: Verschwörung gegen den Papst Warum Ali Agca auf Johannes Paul II. schoss; Karl Blessing Verlag, München 2001; 253 S., 44,- DM