Ein Bankier im Rathaus - außergewöhnlich ist das nicht. Aber dass ein traditionsreiches Rathaus zum Bankentempel umfunktioniert wird, das gibt es wohl nur in Warschau. Gegenüber der Nationaloper und am Rand der Altstadt erstand vor ein paar Jahren das 1944 zerstörte Warschauer Rathaus neu - als Sitz von Citibank und BRE Bank. Wojciech Kostrzewa, der Präsident der BRE, die zur Hälfte der Commerzbank gehört und die Nummer drei im Lande ist, deutet das symbolisch: Die Fassade ist historisch, dahinter werden Geschäfte gemacht, und zwar nach westlichen Standards. "Wir brauchen keine Komplexe zu haben, auch wenn man die Schwächen nicht übersehen darf", versichert Kostrzewa. Und eines ist für ihn klar: "Die polnische Wirtschaft ist modern."

Modern? Der Begriff "polnische Wirtschaft" klingt für viele deutsche Ohren immer noch nach geradezu sprichwörtlicher Schlamperei, Unzuverlässigkeit und Ineffizienz. Das hat Tradition, mindestens seit dem 19. Jahrhundert. Noch im Wörterbuch der deutschen Umgangssprache von 1987 wird die "polnische Wirtschaft" als Synonym für eine "unvorstellbare Unordnung" aufgeführt.

Von wegen Unordnung! "In den letzten Jahren hat sich Polen zur Avantgarde der Transformationsländer vorgearbeitet", beteuert Warschaus Wirtschaftsminister Janusz Steinhoff, ein nüchterner Schlesier, der seit der Wende politisch aktiv ist. "Regelrechte Pionierarbeit" sei es gewesen, das Land vor dem Verfall zu retten. Heute erntet er dafür Anerkennung von allen Seiten. Polen habe sich zum "Musterland erfolgreicher Transformation" entwickelt, lobte jüngst die Deutsche Bank Research und fügte hinzu: "Die Ergebnisse für Tschechien und selbst Ungarn nehmen sich dagegen bescheiden aus." Bankier Kostrzewa geht noch einen Schritt weiter: "Wir sind viel unternehmungslustiger als die EU-Länder."

Jung und vibrierend

Möglicherweise auch neugieriger. Neues wird schnell akzeptiert. So lobt die OECD in ihrem jüngsten Polen-Bericht: "Die New Economy in Polen ist noch jung, aber vibrierend." Sieben Millionen Handys sind in Gebrauch, in diesem Jahr kommen wohl nochmals drei Millionen dazu. Zwei bis drei Millionen Polen nutzen das Internet. 1991 wurde die erste Visa-Card eingeführt; heute ist Polen der achtgrößte Markt für diese Zahlungsweise in Europa. Im vergangenen November startete BRE das Internet-Banking. "Heute ist das in unserem Haus ein Riesenerfolg", strahlt BRE-Chef Kostrzewa, "und das gerade mal drei Jahre nachdem die ersten Internet-Direktbanken in Europa entstanden sind."

Zumindest in Warschau herrscht Goldgräberstimmung. "Wie im Deutschland der sechziger Jahre", erläutert Gabriela Jaworek, Chefin der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer. Das hat auch Slawomir Wiatr beobachtet, der nach einer Karriere als Abgeordneter und Wissenschaftler jetzt als Mittelständler mit 40 Mitarbeitern Werbeflächen verkauft: "Heute ist es völlig normal, dass Leute in den Dreißigern Vorstandsposten besetzen. Die jungen Leute haben das Gefühl: Alles ist möglich." Ihr Bildungshunger ist gewaltig. Bankier Kostrzewa: "Heute ist die Zahl der Studenten dreimal so hoch wie vor zehn Jahren. Und die jungen Leute zahlen bis zu 5000 Mark im Jahr für eine gute Ausbildung." Zwei Fremdsprachen sind fast schon obligatorisch, der perfekte Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln sowieso. Und fähige Nachwuchskräfte können sich ihren Job aussuchen.

Dazu passt die Rasanz, mit der sich Warschau, die zweitgrößte städtische Baustelle Europas, ein modernes Gesicht gibt. Die Kapitale legt sich so etwas wie eine Skyline zu, ein halbes Dutzend Bank- und Versicherungstürme sind in jüngster Zeit entstanden. Büromieten sogar außerhalb des Stadtzentrums erreichen das Niveau von New York und London. Reklame für Coca-Cola bedeckt ganze Häuserblocks, die klapprigen Straßenbahnen sind über und über mit schreiend bunter Werbung bedeckt. Cybercafés gehören genauso zum Alltag wie die kleinen Handzettel mit den Fotos und Adressen leicht geschürzter Damen ("100 Prozent Satisfakcji"). Symbol des Fortschritts: Der Schuttberg im stadtnahen "Park des Glücks" wurde in eine Sommer-Skipiste mit Lifts, Rodelbahn und Flutlicht verwandelt. Die Citibank brachte die Atmosphäre auf ihren Werbeplakaten auf den Punkt: Ein Leopard setzt kraftvoll zum Sprung an, angespornt vom Slogan Szybkie, szybkie, pieniadze. Schnell, schnell, Geld! Allerdings ist der Optimismus heute nicht mehr ganz so demonstrativ wie noch vor ein paar Monaten. Über Jahre hinweg boomte die Wirtschaft mit Jahresraten zwischen 5 und 7 Prozent, plötzlich lahmt die Konjunktur. Im ersten Quartal dieses Jahres lag die Wachstumsrate bei 2,4 Prozent, ein Jahr zuvor waren es noch 6 Prozent. Die Inflation, die beharrlich in den einstelligen Bereich zurückgedrängt wurde, übersprang im vergangenen Herbst plötzlich wieder 11 Prozent. Die Zentralbank hat den Zinssatz auf 17 Prozent heraufgeschraubt. Das macht den Zloty immer teurer, und die Arbeitslosigkeit nähert sich der 4-Millionen-Grenze. Inzwischen hat die Quote fast 16 Prozent erreicht, Tendenz steigend.