Manchmal, so beschied Sigmund Freund einer jungen Frau, die einen kecken psychoanalytischen Blick auf seine Rauchgewohnheiten werfen wollte, manchmal sei eine Zigarre einfach nur eine Zigarre. In dieser relativen Harmlosigkeit verharrte die Tabakware lange, und das Zusammenleben mit einem Zigarrenraucher war eher ein praktisches Problem, nicht so sehr ein therapeutisches.

Raucher wie ich grübeln über ihre Gesundheit nach oder darüber, was sie ihrer passiv rauchenden Mitwelt antun, jedenfalls verspüren sie für gewöhnlich wenig Neigung, auch noch die Symbolik ihres Lasters mit zu bedenken. Wer inhaliert, denkt beim Wort "Symptom" nicht unbedingt an eine kulturkritische Diagnose, in deren Fokus ausgerechnet sein Trösterchen stehen soll. Aber das hat sich alles geändert, mittlerweile ist es vorbei mit der Freudschen Unschuld. Kraftstrotzende Kalifornier und zähe New Yorkerinnen, von denen der Schriftsteller Tom Wolfe einmal schrieb, sie sähen aus wie ihr eigenes Röntgenbild, haben in den achtziger Jahren das Bewertungssystem des Tabaks verschoben: vom Gegensatz zwischen "gesund und krank" auf denjenigen zwischen "gut und böse". Wie dabei die Zigarre wegkam, muss ich gar nicht erwähnen.

Und da solche Stigmatisierungen in den USA, also im Land der selbstbewussten Differenz- und Minderheitenpolitik, immer eine Gegenreaktion provozieren, erhob sich die Nation der Raucher prompt, führte fortan die Zigarre in ihrer Fahne und veranstaltete unter Gleichgesinnten so genannte Big Smokes. Das war alles in allem eine wilde, virile Zeit. Arnold Schwarzenegger war deren Verkörperung - muskulös, erfolgreich, republikanisch. Eine Zigarre rauchen, das hieß, sich benehmen zu dürfen wie Kater Carlo im Offizierskasino. Man war unschlagbar, und die Nasdaq ging nie wieder schwach.

Dieser Geist zog mit der obligaten Verzögerung auch in Deutschland ein, in seinem Tross ebenfalls ein veritabler Zigarrenboom. Für den Moment sah es so aus, als sollte die Havanna zum Dingsymbol der Berliner Republik werden. Aber der Bundeskanzler, nach dem öffentlichen Genuss von Cohibas viel gescholten, machte einen Rückzieher. Übrig blieben selbst ernannte Erfolgsmänner, haargegelte Chargen des Neuen Berlin, der Medienheini aus Hamburg oder der ewige Düsseldorfer Playboy, der nie ein Cowboy sein wird. Die bessere, die handgerollte Ware dient inzwischen einer Art Imagebildung: Wir da oben, wo die Glut glimmt, wir streifen die soziale Asche einfach ab und spielen Herrenclub.

Vor kurzem traf ich mich mit einem Freund (Zigarette) in einem Restaurant. In Sichtweite ein Tisch, schon beim Kaffee, an dem junge Geschäftsleute einander imponierten, indem sie mit ausgewachsenen Double Coronas hantierten. Einer führte ein kleines orales Freudenfest auf, denn er leckte und lutschte an dem Ding in seiner Linken, bis das Deckblatt zu einem Drittel eingespeichelt war.

Dieser Anblick war nicht eigentlich schön, und ich murmelte aus unerfindlichen Gründen Entschuldigendes, von wegen, dass Zigarrerauchen etwas Diskretion erfordere ...

Darauf meinte mein Freund: "Der kann gar nicht rauchen, der gibt seiner Partagas gerade einen Blowjob."

Ich sagte: "Man darf nicht so streng sein. Vielleicht hat er diese Geschichte mit Clinton missverstanden, oder er erinnert sich nicht richtig. Nicht einmal Gesabber muss immer eine Bedeutung haben."

"Das glaubst du doch selbst nicht."

Nein, die Zigarre gehört nicht mehr den Neureichen. Keiner kann sagen, ob die braun gebrannten Karriereraucher am Berliner Gendarmenmarkt noch kreditwürdig sind

von ihren inneren Antrieben mal ganz zu schweigen. Das ist leider die Wahrheit über die Zigarre heute: Sie stützt bei Gelegenheit das Selbstwertgefühl eines jeden, der es nötig hat. Aber ob sie noch eine Stütze der (bürgerlichen) Gesellschaft ist?

Was will denn der Mann, wenn er sich mit seinesgleichen trifft und nicht einmal dort seine Rolle mehr durchhält. "Der Mensch soll seine Komplexe nicht ausrotten wollen", empfahl Freud, "sondern sich ins Einvernehmen mit ihnen setzen, sie sind die berechtigten Dirigenten seines Benehmens in der Welt."

Wem die Zigarre nichts weiter als eine Zigarre ist, der macht es wie der Kanzler und raucht zu Hause und meditiert darüber, was wohl sein eigener Komplex sei, mit dem er sich anfreunden könnte.