Dafür hab ich ja das Geschenk, sagt die Kleine. Sie kann nicht so viel toben und spielen wie andere Kinder. Und nicht genauso regelmäßig in die Schule gehen - mit allem, was dazugehört: Freundschaften, Spaß, Ärger, eben das normale Kinderleben. Aber dafür kann ich ja singen.

Sandra Schwarzhaupt war ein Wunderkind. Als Achtjährige fiel sie durch ihre glockenhelle Stimme auf, mit elf brillierte sie auf Konzertbühnen, Tourneen führten sie bis nach New York. Inzwischen ist Sandra 22, aus dem Wunderkind ist eine Gesangsstudentin geworden. Versuche, den Teenager als Schlagersängerin zu pushen und ihr den verhauchten Stil der Popbranche beizubiegen, sind fehlgeschlagen. Sie gehöre der Klassik, sagt sie, und wer ihren Koloraturen lauscht, weiß, dass sie Recht hat.

Die Filmemacherin Beatrix Wilmes hat schon 1992 und 94 zwei Porträts der Sandra Schwarzhaupt gedreht. Solo für Sandra ist der dritte Teil einer Trilogie, der aus den ersten beiden zitiert und die Geschichte der musikalischen Kölnerin abrundet. Durch die Langzeitbeobachtung gewinnt der Film seinen besonderen Reiz, die Jahre verleihen ihm Gewicht. Das Mädchen, mal 11, mal 13, mal 18, mal 22 Jahre alt und immer eine Arie auf den Lippen, wächst sozusagen vor den Augen der Zuschauer heran. Ihre Stimme gewinnt Fülle und Vibrato, ihre Auftritte werden professioneller, ihre Selbsteinschätzungen skeptischer. Das Ende ist offen. Eine Starkarriere aus dem Stand war nicht zu stabilisieren

nach dem Ende der Kindheit ist auch das Wunder verbraucht, und Sandra Schwarzhaupt will nun endlich das Abitur nachmachen und eine richtige Ausbildung abschließen.

Die Kinderstar-Problematik ist bekannt und häufig schon durchleuchtet worden.

Es gilt als verwerflich, einem Menschen um des Ruhms und des Mammons willen die Kindheit zu rauben. Im Falle Schwarzhaupt liegen die Dinge komplizierter.

Man sieht deutlich, dass die selbstbewusste kleine Diva stolz auf ihr Können ist und den Applaus wie einen Wasserfall auf sich niederprasseln lässt: Das müsste jeder mal erleben. Aber dann ist da der Papa mit seinem allzu regen Geschäftssinn. Kommerz - da bin ich nicht fies für, wie wir Kölner sagen. Da ist die kritische Mutter: Das Kind wird nur vorgeführt. Auch wohlgesinnte Gesangslehrerinnen warnen vor dem frühen Verschleiß des Goldkehlchens. Der Manager, entsetzt ob der rigorosen Vermarktung des Geschenks, quittiert den Dienst. Sandra schließlich fühlt sich zwischen Bühne und Studio nur noch einsam. Irgendwas läuft da gewaltig schief. Bloß was? Ob die Mutter im Recht ist? Das Kind hat überhaupt keine Zeit zu lernen. Sie ist ausgesaugt worden.