Vor zwei Jahren, bei der 48. Biennale der Kunst in Venedig, der ersten unter der Ägide von Harald Szeemann, waren Ratten die Leittiere. Katharina Fritschs übermenschengroßer Rattenkönig - 16 schwarze, 280 Zentimeter hohe Riesentierchen aus Eisen und Polyester machen Männchen im Kreis - stand in der Eingangshalle des zentralen Pavillons in den Giardini. In diesem Jahr hat Szeemann ein Geschwader goldener Schildkröten bei der Cracking Art Group bestellt, die in der Kunstszene bisher nicht auffällig geworden war. Groß und klein, einzeln oder in Gruppen sitzen sie, wohl gerade dem gluckernden Wasser neben dem Vaporetto-Anleger entstiegen, entlang der Wege, haben sich niedergelassen hinter Pavillons und unter Büschen. Der Besucher sieht sie gern, weil ihm der tiefere Sinn dieses Wappentiers rasch einleuchtet. Auch er steht lange an einem Fleck herum und bewegt sich nur zentimeterweise voran, zum Beispiel wenn er in den deutschen, kanadischen oder österreichischen Pavillon möchte. Stehen, warten, gehen, stehen, warten, sehen: Das ist das Initialerlebnis der diesjährigen Biennale und wird es auch nach den Tagen der Vernissage bleiben. Denn in alle diese Pavillons, durch die sich im normalen Ausstellungsfall rund 50 Menschen mühelos hindurchbewegen können, werden aus Kunstkonstitutionsgründen nur jeweils15 Personen hineingelassen.

Adam, Eva und die Buddhas

Durch Gregor Schneiders in den deutschen Pavillon geschrumpft geschachteltes Wohnhaus können sich zur gleichen Zeit circa 10 Menschen schieben, quetschen, robben, treppauf, kellerab, am Matratzenlager vorbei und unter dem Spültisch hindurch (ZEIT Nr. 24). Obwohl nicht jeder die Besichtigung des Toten Hauses ur bis zur Neige auskostet oder auch durchhält, muss der 70. Mensch in der Warteschlange den Tag genauer planen. Vor allem, wenn er nebenan in den kanadischen Pavillon möchte, wo, hier folgt auf das Stehen immerhin das Sitzen, jeweils nur 2 mal 8 Menschen bei The Paradise Institute in einer Reihe Platz finden. Der Zugang zu dem österreichischen Pavillon findet diesmal durch den Hintereingang statt. Wie auf einer Baustelle nach dem Regen steht man auf Planken und Brettern im kunstvoll angelegten Matsch, der durch Bierdosen, Plastikbehälter und anderen Kleinmüll angereichert ist. Hier war die Gruppe gelatin am Werke. Im Pavillon selber dann ist es stockdunkel, links und rechts läuft an den Wänden der Seitenflügel ein monochromes Video, weißes Bildrauschen, begleitet von dunklem Dauerdonner. Granular Synthesis nennen sich die hierfür zuständige zweite Gruppe.

In der Dunkelheit, beim Tasten und Schwanken im schwarzen Raum, erlebt der Besucher der 49. Biennale seine zweite Grunderfahrung. Er stolpert hier über eine Schwelle, geht dort gegen eine Wand, spürt den Rucksack des Vorgängers, den Fuß des Nachfolgers. Noch nie gab es so viele Videos, Videoinstallationen und kleine Filme auf einer Biennale wie in diesem Jahr. Im Arsenale, dem alten Kriegsmarinequartier, und in der Corderie, der langen Halle der ehemaligen Seilerei, als Szenerie und Riesenraum eine wunderbare Ergänzung der staatstragenden Pavillons in den Giardini, machen die kleinen Dunkelräume die gute Hälfte des Kunstprogramms aus. Das ist nicht neu, die Videokunst hat schon in den sechziger Jahren begonnen, bekam Konkurrenz durch die Photokunst und ist schließlich allerorten. Aber wenn Kunstausstellungen zu kleinen Filmfestspielen werden, dann muss der Veranstalter sich zumindest im praktischen Zusammenhang darauf einstellen, muss ein paar Bänke aufstellen, Anfangszeiten mitteilen. Oder ist es egal, ob man den Anfang sieht? Und irgendwann darf man dann auch darüber nachdenken, warum die laufenden Bilder den stehenden offensichtlich den Rang ablaufen.

Plateau der Menschheit, das ist der Titel, den Szeemann dieser Biennale gegeben hat, und eigentlich dachte man, dass es so edel schlicht nicht mehr geht, auch wenn Platea dell'humanita etwas weniger ranzig klingt. Die Künstler von heute sind weniger mit ihrer eigenen Identität befasst als noch vor zehn Jahren, sondern mit dem, "was ewig ist im Menschen". Schreibt Szeemann wider besseres Wissen im Ausstellungsführer und liefert seine eigene Vorstellung davon im Entree der Biennale dazu. Wo vor zwei Jahren der Rattenkönig seinen bösen Auftritt hatte, stehen jetzt im hügeligen Styroporgrün versammelt echte und falsche Buddhas, Masken, Totems, indische Tempelplastik, Art brut, auch Adam und Eva, geschnitzt und bemalt von Hans Schmitt, 1975, und schließlich, klein, aber im vorderen Rang der Kulturen, Der Denker von Auguste Rodin.

"Der Maler sitzt nicht mehr im Mittelpunkt unseres Einbahnstraßen-Plateaus, sondern der Denker", denkt Szeemann. Der Besucher aber denkt sich seinen eurozentristischen Teil. Und erkennt den Condottiere unter den Ausstellungsmachern und schlauen Haudegen dann wieder, wenn er am Eingang des Arsenale steht. Hier kauert, knapp fünf Meter hoch, der Boy von Ron Mueck, bemaltes Polyester, ein kleiner Junge in kurzen Hosen. Den Kopf zwischen die angewinkelten Oberarme und Hände gesteckt, schaut er nachdenklich, irgendwie verloren vor sich hin und ist doch auch bereit zum Sprung.

Prada-Taschen aus der Slumecke