Seit seinem Roman Das Wüten der ganzen Welt, dessen deutsche Übersetzung 1997 auf den Markt gelangte, gehören Maarten 't Harts Bücher - zuletzt die musikalische Liebeserklärung Bach und ich - zur bevorzugten Lektüre des deutschen Lesepublikums. So hat der Arche Verlag nun auch das schon 1979 unter dem Titel De aansprekers erschienene Erinnerungsbuch des niederländischen Erzählers an seinen Vater aus der Versenkung geholt. Ein Erinnerungsbuch voller Liebe, aber ebenso kauzig, befremdlich und von schwarzem Humor verschattet, wie es der Vater des Verfassers gewesen ist. Wir fühlen uns in und mit diesem Buch gewissermaßen in den fünften Aufzug von Shakespeares Hamlet versetzt - in die Welt des singenden Totengräbers, der Hamlets Gemüt kränkt: "Hat dieser Kerl kein Gefühl von seinem Geschäft? Er gräbt ein Grab und singt dazu."

So auch der "Grabmacher" Pau 't Hart, der Vater des Schriftstellers. Der Tod ist sein Geschäft, um das sich seine skurrilen und tragikomischen Anekdoten herumranken, die gewissermaßen die Keimzelle der poetischen Imagination seines Sohnes sind. Da ist die Geschichte des theologisch versierten Selbstmörders, den der Vater nicht davon überzeugen kann, dass der Suizid in der Bibel verboten ist, und den er nur dadurch bis auf weiteres vom Selbstmord abzuhalten vermag, dass er vorgibt, wegen starken Frostes das Grab dritter Klasse nicht ausheben zu können. Gräber nämlich werden in Maassluis wie Eisenbahnwaggons nach Klassen unterschieden, je nachdem ob die Aussicht schön ist oder wie lange man liegen bleiben will, ob 99 Jahre in der ersten Klasse oder 29 in der dritten. Als der Selbstmörder freilich eines Tages entdeckt, dass Pau 't Hart, singend wie Shakespeares Totengräber, in der Friedhofserde schaufelt, lässt er sich nicht länger hinhalten, sagt vieldeutig "Auf Wiedersehen", hängt sich noch am selben Abend auf und erhält sein Grab dritter Klasse.

Oder der Fall der eifersüchtigen Frau, die darauf besteht, dass ihr Mann umgebettet wird, weil er auf dem Totenacker zwischen zwei Damen liegt.

Lästige Friedhofsbesucher pflegt der Vater dadurch zu verscheuchen, dass er wie ein Totenschädel sein künstliches Gebiss bleckt. Deshalb ist er verstört, als er eines Morgens entdeckt, dass sein Gebiss im Wasserglas auf dem Nachtkästchen eingefroren und vorläufig nicht in den Mund zu nehmen ist. Der Beruf des Vaters lässt Maarten 't Hart wie Shakespeares Totengräber von Kindheit an die Welt durch den schwarzen Schleier des Todes sehen, durch die Weisheiten der Totengräberlieder oder der Memento-Mori-Poesie auf den Grabsteinen der heimatlichen Gemeinde von Maassluis. Allerdings ist der metaphysische Horizont dieser Weisheiten, der Glaube an Gott, Maarten 't Hart zum Kummer seines streng kalvinistischen Vaters verloren gegangen.

Die ständige Nähe des Sterbens erweckt im Erinnernden eine Sympathie mit dem Tode, die ihn dem lyrischen Ich in Annette von Droste-Hülshoffs "unglaublich schönen" Strophen Im Grase nahe bringt. Da verschmilzt der Rausch des Naturerlebens, der "süße Taumel im Gras", mit der Vision der Toten, die sich unter dem Grase strecken und mit leisem Atem regen und ihre geschlossenen Wimpern bewegen. Der Vater, der doch wie keiner dem Tode vertraut scheint, ist im besten Alter schon vom Krebstod gezeichnet. Ihm steht ein qualvolles Sterben bevor. Nur der Sohn weiß das. Aber mit dem Vater kann er nicht über den Tod reden, weil dieser sein Beruf ist, "weil er darin Herr und Meister war, weil er doch täglich mit ihm umging" - und sich deshalb gegen ihn gesichert glaubt. Und dann muss er doch früher als geahnt den Kampf mit ihm aufnehmen. Paradoxerweise wird er nicht das Opfer des sein Lebenszentrum schon tückisch umklammernden Krebses, sondern eines Herzinfarkts. Das letzte Kapitel schildert beklemmend, wie der Totengräber den Tod vom eigenen Krankenbett vertreiben will.

Maarten 't Hart gehört zu den großen Erben der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts, dem weniger die Strukturfinessen des modernen Romans am Herzen liegen als die genaue und atmosphärisch dichte Beschwörung der ihm vertrauten Landschaft und der Personen seiner Heimat. Er taucht sie in die immer wieder durch groteske und skurrile Farbtupfer durchbrochenen Schattentöne der Melancholie. Kaum ein Schriftsteller der Gegenwart ist so heimisch in jener Welt, über die der Gevatter Tod seinen dunklen Mantel geworfen hat, wie Maarten 't Hart. Hinter diesem Gevatter aber steht vor seinem inneren Auge immer sein Vater, der "Grabmacher" von Maassluis, der dem Tod, seinem Arbeitgeber, stets überlegen zu sein wähnte und sich ihm schließlich doch vorzeitig geschlagen geben musste.

* Maarten 't Hart: Gott fährt Fahrrad oder Die wunderliche Welt meines Vaters