Eine Tragödie Shakespeareschen Ausmaßes hat sich am Wochenenden abgespielt. Michael Schumacher startet auf dem Nürburgring von der Pole-Position und gibt ordentlich Gummi. Doch nur wenige Zentimeter später sieht er sein Brüderchen Ralf im Rückspiegel. Und nun passiert das Unfassbare: Anstatt freundlich zu grüßen und Ralf mit den Worten "Hey, wie geht's Cora so?" vorbeizuwinken, mutiert der Familienmensch Michael zur Pistensau. Erbarmungslos zieht er nach rechts und drückt seinen Bruder fast gegen die Boxenmauer. Ralf stammelt noch etwas von: "Das sag' ich der Corinna!" und fällt zurück. Schlussendlich wird Michael Erster, Ralf Vierter, die beiden brüllen sich an und von den Mädels spricht überhaupt keiner mehr. Furchtbar. Fast alle Tageszeitungen berichten heute im Sportteil über den betonharten "Bruder Krieg" ("Bild").

Erfreulicher sind heute ausnahmsweise die Meldungen aus der Politik. "Nach der Einigung über den Finanzausgleich fühlen sich alle Länder als Gewinner", titelt die "Frankfurter Allgemeine". Auch das "Handelsblatt", die Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau" machen mit diesem Thema auf. Die "Welt" interessiert sich für das Gesundheitswesen ("Mindestbeitrag bei Krankenkassen ist vom Tisch"), der "Tagesspiegel" für das Verkehrswesen ("Bahnchef warnt vor Chaos").

Eine wirklich interessante Form von investigativem Journalismus betreibt heute die "tageszeitung". Unter der Schlagzeile "Gregor Gysi - der Demagoge" findet sich ein scharf angeschnittenes Foto desselben nebst einem schwarzen Balken, auf dem einige provokante Fragen formuliert sind: "Der PDS-Mann ein Salon-Kommunist? Ein gnadenloser Populist? Das Feigenblatt einer reaktionären Partei? Keine Ahnung von nichts? Ist Gregor Gysi größenwahnsinnig? Oder doch der Retter Berlins?". Diese Fragen kann man mit Fug und Recht stellen - und sollte sie dann mit ein paar bohrenden Analysen beantworten. Doch diese Mühe macht sich die "tageszeitung" nicht. "Antworten im Interview mit Gysi auf Seite 3" steht am Ende des Balkens. Und das ist dann genauso spannend, als würde man Kohl zur Spendenaffäre ("Wie viele Koffer haben Sie, Herr Kohl?") oder Steffi Graf über Joghuretten ("Isst sie nie Kinderschokolade?") befragen.

Geld für alle - bloß woher?

Der "Konsens-Kanzler" hat es mal wieder geschafft: der Länderfinanzausgleich und der Solidarpakt II sind unter Dach und Fach. "Beginnen wir mit der guten Nachricht: Der Westen ist keineswegs nur in Sonntagsreden solidarisch", kommentiert Oliver Schumacher in der "Süddeutschen Zeitung". "Die neuen Länder erhalten noch fast 20 Jahre lang beachtliche Finanzhilfen. 306 Milliarden von 2005 bis 2019, da hat Gerhard Schröder Recht, sind kein Pappenstiel. Ostdeutschland hat mit dem Solidarpakt II eine realistische Chance, den Rückstand aufzuholen oder zumindest den Abstand erheblich zu verkürzen." Wer dafür aufkommen muss, ist auch klar. "Betrübt stehen derweil die Steuerzahler da", kritisiert Reinhard Uhlmann im "Handelsblatt". "Dabei hätte es nahe gelegen, den trotz Steuerreform immer noch kräftig Geschröpften wenigstens ein kleines Entlastungssignal beim Solidaritätszuschlag zu gönnen. Denn die Ost-Transfers des Bundes werden sich ab 2009 von Jahr zu Jahr verringern, um die neuen Länder allmählich vom Subventionstropf zu entwöhnen. Eine entsprechende Degression des ‚Solis' von 5,5 Prozent ist indessen nicht in Sicht." Hinzu kommt ein zweiter Verlierer des großen Deals: die Opposition. "Ihr ging ein weiteres Wahlkampfthema verloren", schreibt Cornelia Wolber in der "Welt". Denn nun lasse sich nicht mehr so einfach behaupten, dass es der Kanzler mit dem Aufbau Ost nicht ernst meine. Wesentlich kritischer fallen die Kommentare zum Länderfinanzausgleich aus. Denn die Einigung sorgt nicht für mehr Transparenz und Wettbewerb, wie es die Experten seit langem fordern. "Was die Ministerpräsidenten und der Bundeskanzler daraus gemacht haben und am Wochenende als großartigen Erfolg feierten, läuft auf das Gegenteil heraus: auf die Fortschreibung eines Föderalismus, der zu einem System organisierter Verantwortungslosigkeit degeneriert ist", erzürnt sich Stefan Dietrich in der "Frankfurter Allgemeinen". Tatsache ist nämlich, das (fast) alles beim Alten bleibt: Die armen Länder erhalten dieselben Zuschüsse wie vorher, die reichen Länder dürfen ein paar Steuermark mehr behalten. Die daraus entstehenden Kosten begleicht Finanzminister Eichel stillschweigend aus der Bundeskasse.

Wird Milosevic ausgeliefert?

Die jugoslawische Regierung ist "über ihren Schatten gesprungen" ("Handelsblatt"). Am Samstag verabschiedete sie ein Dekret, das es ermöglicht, den ehemaligen Präsidenten Milosevic an das Haager Kriegsverbrechertribunal auszuliefern. Ganz freiwillig ist dieser Sprung jedoch nicht gewesen. "Der unschöne Deal lautet ‚Kriegsverbrecher gegen internationale Hilfe'", schreibt die "Frankfurter Rundschau". "Gerade die Führung in Washington hat das Gelingen der Brüsseler Kreditgeberkonferenz am kommenden Freitag von ersten Schritten Belgrads zur Auslieferung von Milosevic abhängig gemacht", präzisiert Reinhold Vetter im "Handelsblatt". "Mit Außenständen von gut 12 Milliarden Dollar gehört Jugoslawien zu den am höchsten verschuldeten Mitgliedsstaaten des Internationalen Währungsfonds (IWF). Dieser Betrag entspricht 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes." Insofern würde sich die Belgrader Regierung mit einer Auslieferung mehr finanzpolitische Spielräume erkaufen. Doch das ist wohl der kleinere Teil des Problems. Der größere ist die Vergangenheitsbewältigung, die danach unter den Jugoslawen einsetzen muss. "Bei einer Mehrheit ist das Denken immer noch durch Verschwörungstheorien getrübt", schreibt die "Frankfurter Rundschau". "Jahrelang hat die offizielle Propaganda die Serben als Opfer einer internationalen Konspiration dargestellt. Damit sich der Nebel lichten kann, braucht es mehr als ein Regierungsdekret."