Nein, Göteborg war kein "historischer Gipfel". So gern sich Europas Premiers und Präsidenten auch verewigen mögen in den Geschichtsbüchern - von diesem "Europäischen Rat" wird wenig in Erinnerung bleiben. Allenfalls zweierlei: die Brutalität, mit der Hunderte Polit-Hooligans ganze Straßenzüge verwüsteten. Und die Kaltschnäuzigkeit, mit der die EU-15 den Völkern Mittel- und Osteuropas vorgaukelten, das Ziel ihres Langen Marsches gen Westen sei nahe. "Bis Ende 2002", verheißt das Gipfel-Kommuniqué, könnten die Verhandlungen über den EU-Beitritt "abgeschlossen werden". Ende 2002, das verklärt sich in Prag und Warschau nun zum Symbol. Dabei ist es doch nur eine Lüge.

Sicher, die Wortkünstler der EU haben ihr neues Datum gewieft mit allerlei Kautelen und Konjunktiven umstellt: 2002 gilt nur, wenn im Osten die Reformen weitergingen und falls zugleich die Unterhändler zu Brüssel zügig wie bisher Kompromisse über die genauen Konditionen des Beitritts zu Papier brächten. Aber wer liest das Kleingedruckte, wenn es um Großes wie die "Versöhnung des Kontinents" geht?

Heute erscheint den Menschen hinter Oder und Neiße das Signal aus Göteborg wie ein Licht am Ende des Tunnels, nach über zehn Jahren härtester Transition und Transformation. Spätestens in zwölf Monaten werden sie erkennen müssen, wie viel dieses Versprechen wert ist: keinen Deut mehr als weiland die Worte eines Helmut Kohl, der auf den Marktplätzen an Weichsel und Donau den Beitritt im Jahr 2000 prophezeite.

Der "deutschere Deutsche"

Dass Polen oder Slowaken bislang bestenfalls "bedingt beitrittsfähig" sind, ist zwar bekannt, aber nicht entscheidend: Selbst kühnste (und noch bitter nötige) Reformen würden Letten oder Tschechen, Slowenen oder Ungarn nicht die pünktliche Aufnahme in den EU-Club sichern. Warum? Weil die Altmitglieder der EU völlig zerstritten sind über die (gemeinsamen!) Bedingungen des Eintritts. Wer aber zu fünfzehnt nicht weiß, was er will, ist nur "bedingt verhandlungsbereit".

Es hatte einen Hauch von Ehrlichkeit, dass Paris und Berlin in Göteborg zunächst zögerten, die 2002-Lüge zu unterschreiben. Frühestens nach den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühsommer nächsten Jahres werden es Jacques Chirac oder Lionel Jospin wagen, in der EU über eine echte Agrarreform wenigstens zu reden. Monatelang werden die EU-15 dann um Prämien, Quoten und Kofinanzierung feilschen; der Osten schaut zu, muss warten. Denn EU-Agrarkommissar Fischler sieht die Reform erst 2007 kommen.

Ähnlich schwierig wird es für Gerhard Schröder. In der EU muss er eine Reform der teuren Strukturpolitik etwa mit dem spröden Spanier Aznar aushandeln und gleichzeitig daheim Wahlkampf führen. Da müsste der Kanzler entweder wie im Wahlkampf 1998 den garstigen Nettozahler und "hässlichen Europäer" spielen. Oder er würde als EU-Realpolitiker gejagt vom Bayern Edmund Stoiber, der stets den "deutscheren Deutschen" mimen würde.