Wenn Herr Schmidt-Rhaesa seine biologische Spezialisierung erklärt, dann bringt er ein vorbeugendes Lächeln in Anschlag. So ein Ich-weiß-Sie-werden-jetzt-gleich-grinsen-Lächeln. "Mein Gebiet", sagt er dann, "sind Nematomorpha, zu Deutsch: Saitenwürmer. Mit ai, nicht ei."

Auf gerade mal 250 Arten bringt es Schmidt-Rhaesas bevorzugte Tiergruppe; mit dieser Zahl ist sie im Vergleich zu anderen Spezies nur ein Appendix, ein Wurmfortsatz der Schöpfung. Doch auch um ihre Mannigfaltigkeit - fachlich ausgedrückt: Biodiversität - geht es auf dem ehemaligen Gelände des Hüttenbetriebes Meiderich/Duisburg Nord. Zum "Tag der Artenvielfalt" haben sich im Schatten rostender Skelette aus der Koks- und Stahlzeit 86 hoch spezialisierte Artenkenner getroffen. Ihr Ziel: sichten, sammeln, sondern, was in dieser ehemaligen Industriewüste alles an Amphibien, Insekten, Vögeln, Pilzen, Blüten, Kräutern kreucht, wächst und fleucht.

Es ist das dritte Mal, dass die Zeitschrift Geo einen solchen Auftrieb der Taxonomen organisiert. Im vergangenen Jahr in der Ostschweiz und davor im Holsteinischen wurden mit jeweils rund 2000 Arten die Marken hoch gesetzt. Das waren klassische Natur- und Kulturlandschaften. Jetzt stellt sich die Frage: Wie viel Leben wuselt wohl in deren industriegeschädigter Gegenwelt, lässt man sie ein paar Jahre lang einigermaßen in Ruhe? Seit Mitte der Neunziger ist das Gelände eine Abenteuer- und Erholungslandschaft.

Wissenschaftlichen Zugewinn erwartet eigentlich keiner der professores , die sich überall in Deutschland von ihrem Lehrstuhl zur Anreise erhoben haben. Auch der Veranstalter hat anderes im Sinn. Reiner Klingholz begrüßt die versammelte Fachkompetenz vielmehr zu einer "PR-Veranstaltung für den Wert der Natur". Moment mal - Public Relation? Homo journalisticus meidet normalerweise all jene Habitate, auf denen er PR-mäßig gefüttert werden soll. Aber für die Natur? Das geht in Ordnung. Wechselnde Fernsehkamerateams greifen reflexartig nach lebenden Bildern.

Etwa den Trägern von Keschern und Insektenfangnetzen. Oder sie stoppen mit vorgereckten Mikrofonen Kinder der Duisburger Globus-Gesamtschule, die den Altersdurchschnitt senken und den Pegel der Umfeldgeräusche erhöhen. Die Kollegen vom Funk brauchen Töne; sie umlagern wie auf Verabredung eine Apparatur, mit der die Ultraschall-Ortungsrufe von Fledermäusen in menschliche Hörbereiche abgesenkt werden. Ähnlich medientauglich erscheinen ihnen die Ornithologen: Die können Vogelstimmen auf Band vorweisen, mit denen sie zwischen Hochofenruine und Rheinufer akustisch locken.

Assel-Cracks dagegen oder Saitenwurmologen wie Schmidt-Rhaesa können medial völlig unbehelligt ihren Lieblingstieren nachspüren. Auch Flechten machen nicht viel her. Denkt man. Und irrt sich gewaltig. Denn wie kaum eine andere Pflanzen- oder Tiergruppe sind diese niederen Wesen auf Stein, Sand oder Borke dazu prädestiniert, die Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrgebietes zu bezeugen. Das scheinbar Unscheinbare: Als Textjournalist erkennt man seine ökologische Nische.

Noch Mitte der Sechziger war die ehemals reiche Flechtenlandschaft des Ruhrgebietes von etlichen hundert auf ganze zwei überlebende Arten heruntergeätzt. Schwefeldioxid aus Hunderten von Schloten hatte alles zur Flechtenwüste gemacht. Erst der Tod der Luftverpester - Zechensterben, Ende der Stahlkocherei - ermöglichte die Wiedergeburt der Lichenen (Lateinisch für Flechten). Derzeit siedeln wieder um die 200 Arten zwischen Ruhr und Lippe.