In der Biopolitik gibt es keine einfachen Antworten - egal, in welcher Sprache darüber verhandelt wird. So fällt es denn auch den Franzosen schwer, die Richtlinien für den zukünftigen Umgang mit Embryonen zu formulieren, auch wenn sie im Gegensatz zu den Deutschen frei sind von historischer Erblast in der Forschung. Die längst überfällige und seit 1998 von der französischen Regierung hinausgeschobene Neuformulierung der Bioethik-Gesetze ist jetzt in eine Sackgasse geraten, aus der sie vor dem Jahr 2003 kaum herausgeholt werden kann.

Frankreich hatte die rechtlichen Grundlagen der Biopolitik 1994 formuliert, und zwar auf Drängen der Ärzteschaft, die sich im rechtsfreien Raum unwohl fühlte. Der Text war in vielen Passagen absichtlich offen gehalten und mit einer Laufzeit versehen. Fünf Jahre sollte das Gesetz gelten und dann dem neuen Stand der gesellschaftlichen Debatte und der medizinischen Möglichkeiten angepasst werden.

Fünfzig Sitzungen für einen Text

Die Frist ist längst verstrichen. Eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe mit Vertretern aus allen beteiligten Ministerien (Gesundheit, Soziales, Forschung, Justiz) ist nur unter großer Mühe zu einem Ergebnis gekommen. Mehr als fünfzigmal haben sich Wissenschaftler, Juristen und Philosophen treffen müssen, ehe der Text fertig war. Französische Spitzenbeamte können sich an kein anderes Gesetzesvorhaben erinnern, das erst nach so vielen Sitzungen zu einer präsentablen Vorlage gediehen war. Schon diese Tatsache verrät, dass auch die tendenziell wissenschaftsfreundlichen Franzosen um eine Antwort verlegen sind, wenn es um den Ursprung des menschlichen Lebens und um die Frage geht, was Wissenschaftlern und Ärzten im Namen des Patientenwohls erlaubt sei.

Nun hat der französische Staatsrat - die höchste und sehr angesehene Gutachterinstanz für alle Gesetzesvorhaben der Regierung - seinen Kommentar abgegeben: Die Vorlage sei insgesamt konfus, in wichtigen Punkten inakzeptabel, und sie müsse noch mal überarbeitet werden. In den nächsten Tagen werden nun einzelne Passagen neu formuliert. Fest steht schon jetzt: Die Möglichkeit zum therapeutischen Klonen, die Herstellung von körpereigenem Ersatzgewebe mithilfe kleiner Zwillingsembryonen, wird mit Einverständnis der Regierung wieder aus dem Entwurf gestrichen.

Dabei hatte Premierminister Lionel Jospin im November vergangenen Jahres noch erkennen lassen, dass er die Embryonenforschung liberalisieren und französischen Forschern im eigenen Land den Weg zum therapeutischen Klonen öffnen wollte. Die wettbewerbspolitischen Argumente standen zwar nicht im Vordergrund, waren aber unüberhörbar: Die französischen Reproduktionsmediziner gehören zur Weltspitze. Ein Prozent der Neugeborenen, insgesamt 8000 im Jahr, verdanken ihr Leben einer Befruchtung im Reagenzglas. Diese wissenschaftliche Kompetenz im Land ist mit hohen Zuschüssen aus der staatlichen Krankenkasse herbeifinanziert worden. Sie kann inzwischen auch auf erste Erfahrungen mit Gentests außerhalb des Mutterleibs (Präimplantationsdiagnostik, PID) verweisen. Mit einer weitreichenden Freigabe wollte die Regierung eine Abwanderung der Forscher in das nahe Belgien, nach Großbritannien oder Amerika verhindern.

Kritiker, allen voran Staatspräsident Jacques Chirac, hatten aber bald darauf eingewandt, dass der Schritt vom therapeutischen zum reproduktiven Klonen unkontrollierbar kurz sei. Das sieht der Staatsrat auch so. Die große biopolitische Wende nach britischem Vorbild, die sich manche französischen Wissenschaftler so dringend gewünscht haben, dass sie den vorläufigen Gesetzestext schon für die Wirklichkeit verkaufen wollten (ZEIT Nr. 22/01), findet in Frankreich damit vorerst nicht statt.