Die kommenden Tage werden ein Test auf die Glaubwürdigkeit der Medien sein. Die meisten von ihnen entfachten zu Jahresbeginn eine Massenhysterie wegen der Verwendung abgereicherten Urans (depleted uranium, DU) als Hartkern von Munition, die im Kosovokrieg eingesetzt worden war. Nun darf man gespannt sein, ob ARD und Süddeutsche Zeitung und all die anderen vor Monaten so entrüsteten Repräsentanten der Vierten Gewalt den Neuigkeiten Raum geben (und wenn ja: wie viel), die in dieser Woche vermeldet werden: Die Studie des von Rudolf Scharping eingesetzten "Arbeitsstabes Dr. Sommer" ist fertig und zeigt - neben kritischen Worten für das Verteidigungsministerium -, wie sehr sich die Alarmisten blamiert haben.

Der Arbeitsstab, geleitet vom ehemaligen ZEIT-Herausgeber Theo Sommer, hat seit Februar die These überprüft, dass die Bundeswehr unsachgemäß mit Gefährdungen durch Uranmunition, Radarsysteme sowie riskante Stoffe umgegangen sei. Zu den Gesprächspartnern gehörten keineswegs nur Parteigänger der Militärs, sondern auch deren Kritiker sowie Patienten, die sich als Opfer sehen. Man grub Akten aus, deren Auffindbarkeit selbst Bürokratieexperten bezweifelt hatten, fuhr zum Lokaltermin in das Kosovo und recherchierte überhaupt mit einer Akribie, die einer großen Geschichte in einem Zentralorgan des investigativen Journalismus angemessen gewesen wäre. Aber eben: wäre.

Das Resultat, zu dem in der Zwischenzeit auch andere Studien gelangten: DU-Munition birgt kein zusätzliches Risiko. Plastisch heißt es in dem 128 Seiten starken Papier: "Die von einem Gramm DU ausgehende Strahlung entspricht etwa der von zehn Litern Badewasser in heilkräftigen Kurorten." Und auch mit der chemischen Giftigkeit ist es nicht weit her. Die Befürchtung einiger Wissenschaftler, die Munition könne das Grundwasser zeitweise kontaminieren, ließ sich nicht untermauern. Andere Ängste, die von den Medien in jenen Januartagen geschürt wurden, hatten noch viel weniger mit den Tatsachen zu tun. Weder machten winzige Spuren von Plutonium aus der Munition einen Risikofaktor, noch standen im Kosovo Panzerwracks herum, die von DU-Munition getroffen worden waren und in denen anschließend Kinder spielten.

Vor wenigen Tagen kam eine weitere Studie heraus, verfasst von der britischen Royal Academy: Ihr zufolge ist DU-Munition nur dann als Gift anzusehen, wenn man in einem soeben getroffenen Panzer sitzt, den Feuerball überlebt hat und nun den heißen Staub einatmet. Muss das noch eigens kommentiert werden? Bliebe nachzutragen, was aus dem Begriff "Balkan-Syndrom" geworden ist, ein Thema, das die Sommer-Studie ausspart. Sie wäre unausweichlich zu dem Resultat gelangt: Ein solches Syndrom, also ein statistisch zusammenhängendes Krankheitsbild aus mehreren Symptomen, hat nie existiert - außer in den Schlagzeilen.

"Wir kriegen keine Kinder mehr"

Das Uranthema, so heißt es in der Sommer-Studie, "beherrschte nach dem 3. Januar 2001 die Hauptnachrichtensendungen und die Printmedien. In der zweiten Januarwoche gab es an manchen Tagen über zwanzig Agenturmeldungen und bis zu sechzig Zeitungsartikel zu lesen." Das blieb nicht ohne Wirkung: "Die KFOR wurde überschüttet mit besorgten Anrufen aus der Heimat. Ehefrauen bedrängten ihre Männer im Kosovo, sich medizinisch untersuchen zu lassen. Vorgesetzte wurden bestürmt: ,Niemand hat uns gesagt, dass wir keine Kinder mehr kriegen können' - so berichtete ein Stabsoffizier in Prizren dem Arbeitsstab ... Viele Soldaten wandten sich ratsuchend an die Feldgeistlichen. Einige beantragten wegen der möglichen Gesundheitsgefährdungen ihre Ablösung."

Die Sommer-Studie kritisiert zu Recht die Unfähigkeit des Scharping-Ministeriums, mit der medial erzeugten Panik umzugehen. Leider setzt sie sich nicht mit der Reaktion Rudolf Scharpings auseinander, der auf dem Höhepunkt der Hysterie den amerikanischen Botschafter "einbestellte", ein Affront, der sachlich nicht berechtigt und außerdem eine Überschreitung seiner Kompetenz war. Im Verteidigungsministerium hätte man wissen müssen: Zu den Grundkenntnissen der Massenpsychologie gehört es, dass gerade das Verhalten von Autoritätspersonen darüber entscheidet, ob kollektive Psychosen aufkommen oder nicht. Mag auch das Ansehen des Verteidigungsministers gesunken sein - er ist noch immer die Autorität für die Soldaten; deshalb muss er eine Stimme der Vernunft bleiben.