Wer bildertrunken aus dem Kino taumelt, ist nie Realist. Aber in bester Verfassung, mit der Entschlossenheit von Robert Walsers Romanheld Tanner ("Ich will Buchhändler werden"), einen kühnen Vorsatz in Großbuchstaben durch das Gehirn kreisen zu lassen: ICH MACHE EINEN FILM. ICH SCHREIBE EIN DREHBUCH.

Die Maschinen der Traumfabrik sind angeworfen. Beim anschließenden Bier in der Bar projizieren sie die ersten Szenen an die Schädelwand, und mit jedem Mojito reifen Charaktere und Plot. Auch beim Absacker im Morgengrauen sollte kein Gedanke an eine miesepetrige Realität verschwendet werden, in der das Honorar für den durchschnittlichen deutschen Drehbuchautor im Keller ist. Es ist auch nicht der Zeitpunkt für Wahrscheinlichkeitsrechnungen, welche die deprimierende Tatsache berücksichtigen, dass in Hollywood auf 50 000 Drehbuchentwürfe gerade mal zwölf realisierte Filme kommen. Nein, der Bedarf ist da; die TV-Kanäle wollen gestopft sein mit Soaps, Sitcoms und Krimifutter für couch potatoes. Was da geboten wird, kann schließlich nur besser werden. Also bleibt es dabei: ICH WILL DREHBUCHSCHREIBER WERDEN.

Schnitt. Der Traum hat die Nacht überlebt. Was tun? Es eiert das chinesische Sprichwort durch den Kopf, wonach auch die längste Reise mit dem ersten Schritt beginnt. Der Produzent muss warten. Als mittelfristiges Ziel taugt die Aufnahme in eine Drehbuchwerkstatt oder entsprechende Akademie, www.drehbuchautoren.de weiß Rat. Doch für den tatenhungrigen Neofilmschaffenden ist das ein zu langwieriger Prozess. Wen es drängt, sofort loszulegen, trimmt sich autodidaktisch.

Bei diesem Unterfangen stellt sich der allererste Erfolg unmittelbar ein. Denn auf die Verlage ist mittlerweile Verlass, auf Lübbe, Alexander und insbesondere Zweitausendeins. Haben bis vor ein paar Jahren die hiesigen Buchdrucker den cineastischen Traumtänzer bei seiner Suche nach Lehrmitteln, Ratgebern, Leitfäden im Stich gelassen, sind in jüngster Zeit viele der einschlägigen - vorwiegend - amerikanischen "how-to books" ins Deutsche übersetzt worden. Auch ein paar deutsche Originalausgaben hat der Markt hervorgebracht.

Die Klappentexte machen Mut. Klappentexte machen immer Mut. Voreilig wäre es jedoch, sich gleich auf die Ratgeber zu stürzen, in denen der Autor auch das Verkaufen lernt und sogar darüber aufgeklärt wird, mit was für einem Händedruck er den potenziellen Käufer seines Buchs begrüßen soll: Unternehmen Drehbuch von Julian Friedmann, Pitch it! von Sibylle Kurz. Genauso wenig ist es ratsam, sofort die spezifischen Titel zur Hand zu nehmen, die einen geradewegs zum Drehbuchautor machen, wie Das Handbuch zum Drehbuch von Syd Field. Die Werke sind gut. Doch wir wollen nichts überstürzen. Erst einmal noch eine Weile bei den Kinobildern bleiben. Ein bisschen Film-Know-how kann der Fantasie beim Schreiben auf die Sprünge helfen.

Doch muss es gleich Daniel Arijons Klassiker Grammatik der Filmsprache (700 Seiten) sein, der einem minutiös die tangentiale Schuss-Gegenschuss-Anordnung, Achsensprünge, Zwischenschnitte, Split-Screen und die multiple Dreieckskonstellation erläutert? Oder die 600 Seiten Richtige Einstellung, das "unentbehrliche Handbuch für erfahrene Filmemacher, Jungregisseure, Drehbuchautoren, Kameraleute, Szenenbildner, Redakteure, Produzenten" von Steven D. Katz? Für den Anfang vielleicht eine Nummer zu groß.

Eine Feuerprobe muss her, damit die Story knallt