Eines dieser Hochhäuser, in denen man sich nicht vorstellen kann, dass die Gedanken noch fliegen lernen. Restcharme wegrenoviert. Der Aufzug mit Automatenansage. Lange Flure, eine Flucht ohne Ausweg, Türen links und rechts: wie Zelleneingänge. Fünfter Stock, Zimmer 38. Ein Raum wie eine Aktenablage, weiße Aufgeräumtheit, in der der Mensch ein Störfall ist - kein Umfeld, das Aufbruchstimmung für eine Karriere verbreitet. Ihr Büro beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main ist Pia Muhs denn auch eine Entschuldigung wert. So kahl. Sie weiß. Die 27-Jährige sieht ein bisschen aus wie eine Fernsehansagerin, blond und kompetent und seriös. Aber bei der Arbeit schaut sie angestrengt auf den Bildschirm, der vor ihr steht. Fernsehen, für Pia Muhs ist das eine virtuelle Welt, die in ganz reale Quantitäten zerfällt, ein Kuchen aus Zuschauern, der sich in Stücke teilt.

Referentin für Fernsehforschung nennt sie sich, und das hört sich an wie eine trockene Übung. Tatsächlich schwimmt Pia Muhs in Zahlen. Sie hängt am Tropf der GfK, ein Kürzel für Gesellschaft für Konsumforschung. Die Nürnberger untersuchen das Fernsehverhalten repräsentativ ausgewählter Haushalte in Deutschland, das sich später in der Einschaltquote verdichtet: das tägliche Manna der Medienmacher. Auch die HR-Forscherin speist ihre Erkenntnisse daraus. Sie ist nicht allein. Schon beim kleinen ARD-Sender in Frankfurt am Main sammeln noch mehrere Kollegen die Zahlen über die verteilten Gunsterweise der Zuschauer ein und werten sie aus. Der Arbeitsmarkt der Fernsehforscher wächst.

Manchmal sind Statistiken wie Totenscheine

So richtig in Fahrt kam die angewandte Medienforschung im Windschatten kommerzieller Fernseh- und Hörfunkanbieter schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Branche, deren Wurzeln in den USA liegen, hat Zukunft. Und schon eine Geschichte. Am Anfang waren vor allem die Medienpädagogen gefragt. Am Anfang war die Angst. Wie wirkt das: Fernsehen? Die Forscher machten ihre Gewaltstudien, Papier für Medienseminare, starteten die Begleitforschung zu Kabelpilotprojekten wie dem, das 1984 in Ludwigshafen am Rhein anlief. Privatfernsehen war ungefähr so wie der Offene Kanal Gelsenkirchen, ein einziges "TV total".

1986 sprach das Bundesverfassungsgericht in seinem vierten Rundfunkurteil von einem dualen System - und die Quote heilig. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten leisten seither die gebührenfinanzierte "Grundversorgung" der Zuschauer - mit auch minderheitentauglichen Inhalten. Die privaten Anbieter können derweil ungestörter den Massengeschmack be- und Geld verdienen - mit vom Zuschauerzuspruch abhängiger Werbung. Die Grenzen aber verwischen sich. Man hat mittlerweile oft den Eindruck, dass die Quote auch für die ARD und das ZDF die einzige Grammatik ist, nach der die Programmpläne geschrieben werden. Die quantitative Forschung ist bei ihnen längst etabliert. Bei den Privaten ist man schon weiter. Wenn eine neue Serie bei Sat.1 entsteht, ist das ein Testfall, vergleichbar mit der Einführung eines Schokoriegels. Medienforschung bei Kirchs und Konsorten ist zur Marketingmaßnahme geworden, zum wichtigen Posten, wenn Produkte entwickelt werden. Ein Sprung zum Qualitativen in der Forschung, den die öffentlich-rechtlichen Anbieter in dieser Konsequenz noch nicht nachvollzogen haben. Beim HR untersucht man frühestens mit Testvorführungen des Pilotfilms, was wie bei den Zuschauern ankommt und warum.

Bei Medienforscherin Pia Muhs vom HR kann man noch die Ausgangspunkte der neuen Nahsicht sehen. Die studierte Soziologin hat bei der Beobachtung von Beobachtern noch das Quantitative im Blick. Ihr Fokus, das sind genau 319 Haushalte: die repräsentative Stichprobe derer, die den HR einschalten könnten - wenn sie wollten. Sie alle haben ein Zusatzgerät an ihrem Fernseher, von dem aus die Gfk Daten abzapft. Pia Muhs liest sie nachher wie ein Buch mit schicksalhaften Einträgen. Sie stellt aus den Standardabfragen, die das Sekretariat abwickelt, den Vergleichswerten anderer Sender und der wissenschaftlichen Forschungsliteratur Studien zusammen - Lektüre für den Intendanten, die Programmplaner, die Redakteure, die letztlich die immergleiche Pointe hat: Wer sieht wann, was, wie lange und wer bleibt nach der Hessenschau dabei? Wer geht fremd? Wohin? Warum, bleibt dabei nur eine Vermutung.

Die Service-Frau der Programmmacher wollte nicht Fernsehforscherin werden wie andere Ärztin. Sie hat in Frankfurt am Main Soziologie studiert mit den Wahlfächern Volkswirtschaftslehre, Statistik und Sozialpsychologie. "Die großen Soziologen", sagt sie, "das war ein weites Feld". Die Statistik dagegen war strukturiert, wurde in kleinen Gruppen gelehrt, "weil das fast niemand interessiert hat". Kaum Frauen waren da. Es gab ihren Ehrgeiz und die Ahnung, dass das Studium empirischer Methoden eher einen Beruf ergeben könnte als das Studium steiler Theorien. Ihr Weg sieht gradlinig aus. Dabei, sagt sie, ist sie "irgendwie auch so reingeschlittert".