Markus Grill verdient 4000 Mark im Monat. Dabei könnte der freie Journalist in guten Monaten fast das Doppelte auf dem Konto haben, würde er allein arbeiten. Aber der 33-Jährige ist kein Einzelkämpfer. Er hat sich im Februar vergangenen Jahres der Agentur Zeitenspiegel angeschlossen. Die Journalisten und Fotografen dieser Agentur arbeiten nicht nur zusammen, sie werfen auch einen Großteil ihrer Honorare in einen Topf. Um Räume und Technik der Agentur sowie ehrgeizige journalistische Projekte zu finanzieren, geben die Zeitenspiegel-Journalisten sich mit einem bescheidenen Salär zufrieden. Die Zahl 4000 ist allerdings kein Dogma. Wer mehr braucht, zum Beispiel, weil er Kinder ernähren muss, bekommt auch mehr.

"Es ist nicht so, dass mir Geld nichts bedeutet", sagt Markus Grill, der zuvor fest angestellter Straßburg-Korrespondent der Badischen Zeitung war. "Viel wichtiger ist mir aber eine sinnvolle Arbeit, die Spaß macht." Jetzt schreibt er große Reportagen, für den stern, Merian oder die Frankfurter Rundschau. "Das ist wie ein Aufstieg in die Bundesliga." Da warte er gern noch ein paar Jahre länger, bis er sich den New Beetle leisten könne. "Bei Zeitenspiegel leben wir das Modell Geben und Nehmen. Wenn ich viel Geld verdiene, gebe ich. Und dafür macht mir niemand Druck, wenn ich einmal in einer Schaffenskrise bin."

Der Alltag schleift Ideen ab

Die berüchtigte Schaffenskrise, die Angst vor dem leeren Blatt, ist einer der Gründe, warum Journalisten oft davor zurückschrecken, sich selbstständig zu machen. Vielen bleibt aber keine andere Wahl. Der Trend in den Redaktionen heißt Out-Sourcing. Für die Verlage sind die Freien die preiswertere Alternative zum fest Angestellten. Von 61 500 Journalisten in Deutschland arbeitet heute schon rund ein Viertel frei. Tendenz: steigend. Rund zehn Prozent haben sich laut einer Umfrage des Deutschen Journalistenverbandes in Bürogemeinschaften zusammengeschlossen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der eine will vor allem der häuslichen Einsamkeit entfliehen, der Zweite spekuliert auf lukrative Aufträge, die ihm die Gemeinschaft vermitteln soll, ein Dritter will gemeinsam mit Kollegen größere Projekte angehen.

Entsprechend unterschiedlich funktionieren die einzelnen Teams. Idealistische Modelle à la Zeitenspiegel sind jedoch selten. Die große Mehrheit der Freien arbeitet in pragmatisch organisierten Teams. Ein Beispiel dafür ist das Journalistenbüro München, ein lockerer Zusammenschluss von sechs Einzelkämpfern: Geteilt werden Miete, Computer, Fax, Kopierer, Telefongrundgebühren und Papier. Dafür bezahlt jeder 400 Mark im Monat und arbeitet in den gemeinsamen Räumen auf eigene Rechnung.

Lena Köster, die nach einer Babypause nicht zurück in die Redaktion wollte, hat ihren Schreibtisch vor über zehn Jahren aus dem heimischen Wohnzimmer ins Journalistenbüro geschafft. "Das freie Arbeiten gefiel mir zwar, aber alleine zu Hause - da habe ich die Krise gekriegt", erzählt sie. Das Modell ihres Büros findet sie zwar nicht optimal, dafür aber realistisch. "Zu Beginn wollten wir Demokratie üben, das Geld teilen, gemeinsam große Projekte anleiern. Aber der Alltag hat diese Ideen abgeschliffen." Die Energie, die sie früher in zermürbende Detaildiskussionen mit den Kollegen steckte, verwendet Köster inzwischen lieber auf ihre Arbeit und die Familie. Und von einer gemeinsamen Kasse hält sie bis heute nichts. "Das gibt nur Konflikte, die ernsthafte Arbeit behindern."

Dennoch ist das Münchner Journalistenbüro mehr als eine reine Kostenteilungsgemeinschaft. Einmal im Jahr gehen die Kollegen zum Brainstorming Segeln. Wer seine Arbeit nicht schafft, gibt Aufträge an Kollegen weiter. Und um die Praktikanten, die bei aufwändigen Recherchen helfen, kümmern sich alle gemeinsam. "Wir verstehen uns auch als Mentoren und wollen unsere Erfahrung an den Nachwuchs weitergeben", sagt Lena Köster. Gemeinsame Abstimmungen gibt es, wenn ein neuer Kollege aufgenommen werden soll. Der muss erstens fachlich so kompetent sein, dass er von seinen Aufträgen leben kann - und zweitens allen sympathisch.