Der Zeitpunkt hätte falscher nicht sein können. Herbst 2000: der Neue Markt abgestürzt, die ersten Dotcoms pleite, immer mehr EPioniere auf dem Rückzug in die Old Economy. Ausgerechnet in diesem trostlosen Herbst hatten Bettina Brinkmann und Marcus Piesker eine Idee: Sie träumten davon, die virtuelle Mitmachwelt des Internet über den Fernsehbildschirm ins Wohnzimmer zu holen. Eine Art neues Reality-TV. Brinkmann und Piesker fanden ihre Idee großartig. Aber jeder, dem sie davon erzählten, sagte nur: "Ach Gott, Internet - vergiss es!"

Der Erste, von dem sich die zwei verstanden fühlten, war Marcel Fath. Fath ist technischer Projektmanager bei Bertelsmann Valley, dem Start-up-Inkubator des Medienriesen Bertelsmann. Zusammen mit Marketing- und Finanzexperten kümmert er sich darum, dass Gründer ihre Geschäftsideen unter idealen Bedingungen ausbrüten können. Die Start-ups dürfen sich nicht nur in komplett ausgestatteten Büros einnisten, sondern werden auch mit Know-how, Branchenkontakten und Investitionskapital versorgt. Die Inkubatoren wiederum spekulieren darauf, dass die Start-ups kräftig Gewinne einfahren, wenn sie erst einmal flügge sind. Deshalb lassen sie sich ihre Dienste in Firmenanteilen bezahlen.

Brinkmann und Piesker suchten ihre Geburtshelfer im Internet. Eine E-Mail an Bertelsmann Valley, und zwei Wochen später durften sie Marcel Fath bei einem ersten Treffen in Gütersloh von ihrer Version der multimedialen Fernsehzukunft erzählen. Als die beiden nach Dortmund zurückfuhren, hatten sie eigentlich nur ihre Idee an einen Konzern verraten - und noch nichts in der Hand. Sie waren aber so siegessicher gestimmt, dass sie an der erstbesten Tankstelle Halt machten, um sich ein Gläschen Sekt zu gönnen.

Die Sektkorken hört man nur noch selten knallen in der New Economy. Katerstimmung herrscht besonders in den Inkubatoren. Vor anderthalb Jahren wurden sie überall aus dem Boden gestampft. Venturepark, eine Gründung der Internet-Agentur Pixelpark, hatte gleich fünf Standorte auf dem Plan. "Jeder wollte möglichst schnell möglichst viele Bäume anpinkeln", sagt Ann-Kathrin Achleitner, die in ihrer Studie für die European Business School auf dem Höhepunkt des Booms insgesamt 69 Inkubatoren zählte. Vor allem Multimedia- und E-Business-Ideen sollten in Rekordzeit an den Markt oder, noch besser, gleich an die Börse. "Jede schrille Idee hat eine Chance", verkündete der Spiegel. Doch dann kam der Crash am Neuen Markt: Econa in Berlin und Venturepark haben das Inkubatorgeschäft aufgegeben, andere Brutkästen wie Venture Lab in Frankfurt und Gorilla Park in München stehen halb leer. Das Fazit der Welt nach nur einem Jahr: "Inkubatoren funktionieren nicht."

"Das ist genau so eine Überreaktion wie zuvor der Hype", sagt Achleitner. "Inkubator - das wurde hierzulande gleich gesetzt mit Turbolader für kurzfristige New-Economy-Renditen." Jeder schaute nach Amerika, wo es angeblich Hunderte von Inkubatoren gab, die wahnsinnig erfolgreich waren. Richtig sei jedoch, dass auch in den USA nur 48 Inkubatoren gewinnorientiert arbeiten. Der Rest sind Non-Profit-Projekte der Universitäten. Das große Inkubatorsterben - also eine ganz normale Marktbereinigung.

Die Gründer bekommen die Folgen des Börsenschocks allerdings deutlich zu spüren: Viele Risikokapitalgeber haben ihre Geldhähne zugedreht, eingesandte Businesspläne landen ungelesen in der Ablage P wie Papierkorb. Firmenkonzepte, die nach dem Motto "me too" erfolgversprechende Ideen abkupfern oder lediglich Old-Economy-Geschäfte aufs Internet übertragen, ziehen gar nicht mehr. Aber selbst wer eine gute Idee hat, bekommt sie heute nur schwer an den Mann. Als erster Schritt in die Selbstständigkeit bleibt häufig wieder nur die Teilnahme an Businessplan-Wettbewerben. Denn aus den ganz frühen Phasen der Unternehmensgründung halten sich auch die meisten Inkubatoren zurzeit lieber raus. Viele steigen erst später ein oder betreuen nur mehr spin-offs, Ableger von etablierten Unternehmen, die einen Internet-Zweig aufbauen wollen.

Der Markt schreit nach Neuem