An einem grauen Hamburger Frühsommertag sitzt Silvia Feist vor ihrem deutschen Feldsalat und schwankt zwischen Wehmut und Vorfreude. Wehmut, weil die "Zeit der letzten Male" angebrochen ist - die letzte Party in der alten Wohnung, der letzte Café-Schnack mit Freundinnen, der letzte Besuch bei der Familie daheim im Ruhrpott. Vorfreude, weil ein lang gehegter Traum wahr wird. In ein paar Wochen wird Silvia Feist mit Sack und Pack über den Atlantik ziehen, auswandern - zumindest auf Zeit - in eine der berühmtesten und begehrtesten Metropolen der Welt: New York. "New York ist eine unglaubliche Stadt, und ich möchte dort einfach mal leben", sagt die 35-Jährige. Ihre Redakteursstelle bei einer großen deutschen Frauenzeitschrift ist bereits gekündigt, der über Jahre angesammelte Ramsch auf Flohmärkten verkauft, das Ticket gebucht. Noch gilt es, ein paar Versicherungen zu kündigen und Banksachen zu erledigen, dann kann es losgehen, in "diese lebendige und flimmernde Stadt", schwärmt Feist.

New York wird von Silvia Feists Ankunft wohl wenig mitkriegen. Rund 8 Millionen Einwohner drängeln sich hier bereits, 1,5 Millionen davon auf den 60 wolkenkratzerübersäten Quadratkilometern der Insel Manhattan. Dazu 30 Millionen Ratten, die sich an täglich 24 000 Tonnen Müll laben. Knapp 900 Flieger landen hier täglich. Appartements mit weniger Beinfreiheit als in einem japanischen Kleinwagen kosten 2000 Mark Miete, Parkgaragen verlangen bis zu 70 Mark pro Stunde. Dafür ist die Luft doppelt so schlecht wie im Rest Amerikas, und es wird doppelt so viel gemordet, vergewaltigt, beraubt und überfallen wie im ohnehin hohen US-Durchschnitt.

Das pure Leben also, ein unwiderstehlicher Lockstoff für die Medien. Silvia Feist ist nicht die einzige Journalistin, die ihr Glück in New York sucht. Die Vertreter der besten Zeitschriften und Magazine, die anerkanntesten Buchverlage und die größten Fernsehsender - sie alle zieht es in die Stadt am Hudson, die die Fachzeitschrift Columbia Journalism Review (CJR) erst kürzlich zur Medienhauptstadt der Welt kürte. Allein in Manhattan zählte die CJR mehr als 10 000 Reporter, Redakteure, Produzenten, Fotografen und andere Medienschaffende. Um in diesem Überfluss der Talente zu bestehen, braucht es Glück, Sturheit - und zuweilen auch eine gewisse Leidensfähigkeit.

Der Fernsehreporter."New York mag man oder nicht, und das entscheidet sich in den ersten drei Tagen", sagt Stephan Müller. Und schon die entspannte Art, mit der sich der stoppelbärtige Fernsehjournalist über den Tresen einer Kaffeebar an der 28. Straße flegelt, zeigt, zu welcher Gruppe er gehört. "Ich wollte immer alles wissen, alles sehen, alles kennen lernen", sagt der 38-Jährige. Prompt hielt er es nur mit Mühe bis zum Abitur in dem 4000-Seelen-Dorf seiner Kindheit aus, bevor er floh - nach München für ein paar Semester Politikwissenschaft und Sinologie, nach Taiwan und China für Studienaufenthalte, zurück nach Heidelberg zu einem Studium, das er nie beendete, nach Syracuse (USA), Frankfurt, Vancouver und Mainz, um eine Fernsehkarriere aufzubauen. Erst in New York fand der Pfälzer ein Zuhause, das seiner Ruhelosigkeit genügend eigene Unruhe entgegensetzt. Seit fünf Jahren ist er endgültig hier, dreht frei Nachrichtenclips und Magazinbeiträge für deutsche TV-Sender und kümmert sich um die Kneipe, in der er Teilbesitzer ist. Im ersten Jahr kämpfte er um Aufträge, doch Stephan Müller kann hartnäckig sein (eine Frau Tausendfreund bei NBC mag sich noch an die Wochen erinnern, in denen der Pfälzer täglich anrief, bis er einen Job gelandet hatte), und er besitzt von früher gute Kontakte in deutsche Redaktionen und in die New Yorker Medienszene, sodass er schnell an Fakten kommt - und an Termine in den Produktionsstudios. "Ohne eine community geht es nicht", sagt Müller. Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal Anfragen abzulehnen. 500 Dollar kassiert er pro Tag - das reicht für eine 35-Quadratmeter-Wohnung in Midtown und ab und zu einen 175-Dollar-Sitz in der ersten Reihe eines Broadway-Theaters. Und mag sein Englisch auch bis heute ein wenig pfälzisch klingen und sich der deutsche Pünktlichkeitswahn bei ihm halten - Müllers Lebensmittelpunkt ist unwiderruflich New York. In die Pfalz fährt er nur noch zu Besuch. Und überhaupt: Er schläft dort so schlecht. "Es ist einfach zu ruhig."

Die Bildredakteurin.Mareile Fritzsche erinnert sich noch genau an ihren ersten Tag in New York. Es war der 6. Januar 1996 - unmittelbar bevor der große Blizzard losbrach, von dem die New Yorker noch heute reden. Zusammen mit einer Freundin saß die Bildredakteurin in ihrer frisch gemieteten Anderthalbzimmerwohnung im hippen East Village. "Wir hatten nichts außer einer Kerze und einer Matratze", lacht Fritzsche. Und dazu eine bis heute anhaltende überschäumende Begeisterung für das New Yorker Lebensgefühl. "Ich kann hier machen, was ich will - und wäre es, nackt über die Straße zu rennen. Das ist toll!" Erst als die gebürtige Hamburgerin beschloss, nicht, wie geplant, nach einem sechsmonatigen Hineinschnuppern in die New Yorker Fotoszene wieder abzureisen, merkte sie, wie "rattenhart" die Stadt auch sein kann. In Deutschland hatte sie Festanstellungen in überregionalen Medien, in New York fand sie unbezahlte Praktikumsstellen und befristete Vertretungsjobs. Die Wohnung allein kostete mehr als 3000 Mark Miete im Monat, die mitgebrachten 35 000 Mark Ersparnisse waren schnell weg. "Du brauchst hier Asche, viel und schnell." Eher durch Zufall begann die quirlige Brünette, Fotos für deutsche Printmedien zu vermitteln. "Wenn denen etwa das Foto für die Titelseite platzt oder sie rätseln, wie sie eine Geschichte bebildern sollen, rufen sie mich an." Dann lässt Fritzsche ihre Kontakte zu New Yorker Fotoagenturen spielen, arrangiert Kurierdienste, bucht Fotografen und sendet die Bilder elektronisch nach Deutschland. 250 Dollar bekommt sie pro Vermittlung, "und manchen deutschen Kollegen stinkt es total, dass ich in New York sitze, supergut drauf bin und dafür auch noch Geld bekomme", grinst Mareile. Allerdings: Alt werden will sie in New York nicht. "Noch ertrage ich, dass hier alles eng, klein und schmutzig ist, weil ich mich am Puls der Zeit fühle. Aber wenn ich mal nicht mehr jung und agil bin - dann nichts wie weg." Und nur weil sie nie einen Auftrag ablehnt - und notfalls auch nachts ans Telefon geht - verdient sie 3000 bis 5000 Dollar im Monat. Davon kann man leben - sofern man billig isst, nie Urlaub macht und gar nicht erst versucht, groß für die Rente zu sparen. "Es hat seinen Grund, dass alle meine Freunde hier Entspannungsyoga machen, manche bis zu zweimal täglich", sagt die 35-Jährige. Sie will es demnächst mit Falun Gong probieren.

Die Internet-Designerin.Thessy Mehrain würde über Mareile Fritzsches Drei-Dollar-Falafel-vom-Straßenstand-Essgewohnheiten zweifellos staunen. Mehrain, eine Designerin, wurde 1995 gerade rechtzeitig mit einem Aufbaustudium in virtueller Gestaltung und "Computerkunst" fertig, um auf die Internet-Welle aufzuspringen. "Es ist erstaunlich, dass ich nicht gleich Millionen gemacht habe", grübelt die Deutschiranerin bei einem Tunfisch-Tartar für umgerechnet 30 Mark in einem trendigen Restaurant im trendigen New Yorker SoHo-Viertel. Mit ihrem Nasenstecker und der Designer-Lederjacke passt die 33-Jährige so gut hierher wie in die nahe gelegenen Lofts, in denen sie ihre Tage verbringt. Das eine besitzt sie zum Wohnen, das andere hat sie für ihre Internet-Designfirma Liquid Edge gemietet. Vier PIBs beschäftigt Thessy - people in black, wie die hippen Nachwuchs-New-Yorker in schwarzen Klamotten genannt werden. Zusammen mit einer Partnerfirma in Kalifornien entwickelt Liquid Edge ein interaktives Internet-Forum, reviews.com, in dem Artikel aus der Fachpresse besprochen und diskutiert werden sollen. Die erste Version - zugeschnitten auf Computerwissenschaften - steht kurz vor der Marktreife, und sie wird dringend gebraucht, davon ist Thessy überzeugt. "Die benachrichtigen die Rezensenten von Fachartikeln heute noch per Post!", empört sich die Schwarzhaarige. "Per Post! Mit 'ner Briefmarke!" Wie viel Gehalt sie sich selbst aus dem Firmenbudget zahlt, will sie nicht verraten, doch genug, "um gut davon leben zu können" - und das heißt bei Thessy mindestens 100 000 Dollar pro Jahr. "Es gibt Leute, die mit weniger überleben, aber ich weiß echt nicht, wie die das machen." Zwar kann auch Thessy sich billig amüsieren - etwa wenn sie mit Freunden im Park firespinning veranstaltet (eine Art Seilgymnastik mit Feuerbällen) - doch genauso schätzt sie 250-Dollar-Restaurantbesuche und Symphoniekonzerte im Edel-Outfit. "Dieses Gemischte, diese Offenheit - das ist das Beste an New York", sagt Mehrain. "Manchmal vermisse ich die deutsche Detailorientiertheit. Es gibt in Deutschland echt bessere Handwerker. Aber hey, dafür auch mehr Kleinkariertheit."

Der Reportageschreiber.New Yorker Lockerheit hin, deutsche Kleinkariertheit her - Mario Kaiser will trotzdem zurück. Seit sechs Jahren lebt der schmächtige Journalist in der Metropole am Hudson. Bis heute fasziniert sie ihn: die Extrovertiertheit ihrer Bewohner, das direkte Nebeneinander von arroganten Upper-West-Side-socialites mit coiffierten Pudeln und verfilzten Obdachlosen mit Einkaufswagen voller Lumpen, die spezielle Romantik, die man nur an lauen New Yorker Sommerabenden im Central Park erlebt. Jemand wie Mario Kaiser, der schon mit 16 Jahren in jeder freien Stunde Texte für die Schülerzeitung schrieb, kann sich an solcher Lebensintensität berauschen. Aber dann gibt es wieder Tage, an denen die Stadt ihn "fertig macht". Das Problem: Er hetzt nicht gern. Wenn New Yorker U-Bahn-Passagiere wie von der Tarantel gestochen aufspringen, weil am Gleis gegenüber der Expresszug einrollt, der sie 45 Sekunden schneller nach Grand Central bringt, bleibt Mario Kaiser sitzen. Und wenn er sich auf einen Drink verabredet, geht der Journalist - der mit seinen Koteletten und dem verschmitzten Grinsen trotz seiner 31 Jahre für einen Eton-Schüler durchgehen könnte - am liebsten in die gediegene Lobby des Algonquin-Hotels, die mit ihren Samtsesseln, Cocktailnüssen und der Hauskatze Matilda Welten vom schrillen Straßenleben entfernt ist. Diese Muße mag ein Grund dafür sein, dass Kaisers Reportagen in den besten Magazinen Deutschlands erscheinen und angesehene Journalistenpreise einheimsen - doch sie ist auch sein finanzieller Ruin. "Ich lebe in einer teuren Stadt, ich bin ein langsamer Schreiber, und ich werde in Mark bezahlt", fasst Mario Kaiser seine Misere zusammen. Für manche Artikel braucht er vier Wochen und bekommt 4500 Mark - nach aktuellem Wechselkurs nicht einmal 2000 Dollar. "Ich bin an einem Punkt, wo ich Redakteure anbetteln muss." Sein Lebensstandard ist unter das Niveau seiner Studententage gesunken. Er hat für 1800 Mark ein WG-Zimmer gemietet und muss vor jedem Griff in das Supermarktregal kalkulieren, ob das Geld reicht. Eine Familie zu gründen - ein Gedanke, der näher rückt - ist nicht drin. Zu den ständigen Geldsorgen kommen "private Dinge, mit denen ich mich nicht anfreunden kann". Vor allem stört ihn, dass niemand in New York Zeit hat, Freundschaften zu pflegen. "Es gibt hier immer jemanden, der deinen Job mindestens genauso gut erledigen kann wie du selber - darum müssen New Yorker ständig kämpfen, und das macht sie zu sehr beschäftigten Menschen." Wenn alles klappt, wird Mario Kaiser deshalb schon zu Beginn des nächsten Jahres wieder im langweiligeren, aber auch gemütlicheren und billigeren Deutschland wohnen.