Es reicht. Wenn mich dieser Pressesprecher noch einmal auf die "ganze Technik" beim Online-Journalismus anspricht, dann drohe ich ihm, seinen Ministeriumsserver mit Massen-Mail lahm zu legen, seine Website zu (zer)hacken, täglich einen neuen gefräßigen Virus zu schicken und mittels Trojanischer Pferde die hoch geheimen Gesetzesentwürfe aus seinem Computer zu klauen. Das würde ihm richtig Angst machen, denn das ist es, was er mir zutraut. Das Ding hat einen Haken: Ich kann das alles nicht. Ich bin Online-Journalist, aber ich habe von Programmiersprachen so viel Ahnung wie der Tageszeitungsjournalist von den Feinheiten der Rota -tionsmaschinen in der Druckerei: fast keine.

Online-Journalismus steht unter Technikverdacht und muss mühselig gegen Rezeptionsgewohnheiten ankämpfen (die sich allerdings bereits wandeln). Im schriftfixierten Abendland wird eine Reportage schon deshalb für bedeutend gehalten, weil sie gedruckt ist; ein Interview, das online abgerufen werden kann, muss schon deshalb oberflächlich sein, weil es am Bildschirm zu lesen ist. Ich verrate jetzt ein Geheimnis: Ich bin als Online-Journalist beim Einwählen ins Netz und beim Schreiben für Spiegel online noch nie vom Computer aufgefordert worden, schlampig zu recherchieren, langweilig zu schreiben, uninteressante Fragen zu stellen oder mein kritisches Bewusstsein abzuschalten. Und wenn all das doch passiert, hat das mit den (Un-)Fähigkeiten des Journalisten zu tun, nicht mit dem Medium.

Elektronisch publizieren? Igittigitt

Als ich vor fast zwei Jahren als erster politischer Korrespondent eines Online-Mediums nach Berlin ging, war ich für viele ein Exot. Misstrauen und Spott waren die häufigsten Reaktionen. Online? Wer liest denn das? Internet? Ein digitales Chaos. Elektronisch publizieren? Igittigitt. Im ersten Jahr fühlte ich mich mindestens zu 50 Prozent nicht mehr als Journalist, sondern als PR-Maschine für Online-Journalismus.

Wenn du damals im Ministerium anriefst mit der Bitte um einen Interviewtermin zur Rentenreform, durftest du nicht etwa erwarten, dass dein Gegenüber über die nachgelagerte Besteuerung fachsimpeln will. Was ich stattdessen zu hören bekam, waren skeptische Nachfragen und Vertröstungen, die mich ahnen ließen, wie im Kopf des Ministeriumssprechers ein Bild von mir entstand: dem kleinwüchsigen, dickbäuchigen, blassen Technikfreak mit fettigem Haar, Pickeln im Gesicht, viereckigen Augen und Brillengläsern so dick wie Joschkas kugelsichere Fensterscheiben.

Dann hältst du einen halbstündigen Vortrag darüber, dass Spiegel online 37 Millionen Mal im Monat abgerufen wird, dass 25 Millionen Deutsche sich über das Internet informieren und was Online-Journalismus alles leisten kann. Denn bei keinem anderen Medium haben Journalisten mehr Freiheit. Das Medium hat das Potenzial zu allem. Es verbindet das jeweils beste aller anderen Medien. Du kannst live sein, so schnell sein wie die Nachrichtenagentur, so tiefgründig wie die Wochenzeitung. Du arbeitest mit allen Darstellungsformen, von der Nachricht bis zur Reportage. Du hast die Macht des bewegten Bildes und die Authenzität des O-Tons. Dazu kommen unendlicher Raum, Zeit und Interaktivität. Kein Layout schreibt dir 180 Zeilen Kommentar vor, wenn du nach 100 Zeilen alles gesagt hast (oder 250 Zeilen brauchst).

Das ist kein Computerspiel. Guter Online-Journalismus ist kein multimedialer Gimmick. Alles zu können, bedeutet nicht, immer alles machen zu müssen. Ein Link muss sinnvoll sein. Ein Bild, das animiert ist, nur damit etwas blinkt, nervt. Das einzig wirklich Neue für Online-Journalisten: Sie müssen lernen zu erkennen, wann welches Element dem Inhalt und dem Leser nützt.