Von Geburt an in schwacher körperlicher Verfassung und ständig krank, überstand ich meine Kindheit nur, weil ich durchhalten, aushalten und nach vorne blicken lernte. Mit neun Jahren lagen neun Operationen - Blinddarm, Leistenbruch, Nabelbruch - und ein paar Kuraufenthalte hinter mir; allmählich wurde meine Gesundheit stabiler. Mit zehn begann ich zu schreiben, zunächst Gedichte, und hatte eines Tages plötzlich Gewissheit: Ich werde Journalistin. Es gab nichts, was mich bewogen hätte, es war einfach so.

Sachverhalte zu erörtern, lernte ich von meinem Vater. Zwar war er ein viel beschäftigter Industrieller, doch zweimal pro Woche nahm er sich zwei Stunden Zeit für mich. Er legte sich auf den Diwan in seinem Herrenzimmer und rauchte eine Havanna; ich - damals 13, 14 Jahre alt - saß auf einer Sitzrolle am Sofaende. Wir unterhielten uns über alles Mögliche, über Sokrates genauso wie über die aktuelle Politik. Als Jurist ein guter Diskutierer, manövrierte mein Vater mich bis zum Ende des Gesprächs stets aus mit Argumenten. Doch das letzte Wort behielt ich: "Aber trotzdem", sagte ich und verließ sein Zimmer.

Schon als Gymnasiastin setzte ich mich in Berlin in die Vorlesungen von Zeitungswissenschaftler Emil Dovifat. Als ich ihn zufällig im Bus zwischen Zoo und Zehlendorf sah, sprach ich ihn an und erklärte, bei ihm würde ich studieren und promovieren. Mit 15 wollte ich dann doch lieber ein Volontariat beginnen. Mein Vater vermittelte mir einen Termin bei dem Verleger Heinz Ullstein. Ich legte ihm eine Kurzgeschichte vor, er las sie und meinte: "Sie werden eine sehr gute Journalistin. Aber vorher machen Sie Ihr Abitur."

Zu jener Zeit verloren meine Eltern die Geduld mit mir und meinem Lebensstil. Seit ich 13 war, zog ich durch die Berliner Bars; ich liebte den Jazz und das Tanzen. Mit 15 verabredete ich mich unter dem Vorwand, meine Freundin zu besuchen, mit einem vier Jahre älteren Jungen zum Segeln auf dem Wannsee. Wir gerieten in eine Flaute, und ich kehrte erst nachts um zwei Uhr nach Hause zurück. Meine Eltern waren in höchster Sorge und wussten bereits von meiner Lüge. "Wir kommen mit dir nicht zurecht", eröffnete mir mein Vater - und schickte mich auf die Privatschule von Kurt Hahn ins Schloss Salem am Bodensee.

An einem nebligen Morgen im Januar kam ich mit dem Zug in Friedrichshafen an, ging runter an den Bodensee, da überkam mich die Gewissheit: Hier werde ich später leben. Wenige Monate später ging ein großer Teil der Schüler von Salem ab. Die Nationalsozialisten waren an die Macht gekommen. Etwa die Hälfte der Schüler waren jüdischer Abstammung. Mein Vater meldete mich an einem Gymnasium in Göttingen an; ich zog allein in eine Studentenbude und konnte tun und lassen, was ich wollte. Nach dem Abitur 1935 ging ich zu Dovifat an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin.

Noch bevor ich die erste Vorlesung besucht hatte, marschierte ich ins Akademische Auslandsamt. Ich wollte weg und die Welt sehen. Drei Semester später, mit 20, landete ich mit einem Stipendium in Missouri. Ich verdiente mir etwas dazu, gab Sprach- und Tennisunterricht und besuchte im Auftrag eines badischen Papierherstellers Kunden in Fernost, was die Firma wegen knapper Devisen selbst nicht mehr konnte. Ich lieferte Reiseberichte ab und erhielt das Honorar in bar vor Ort. So kam ich nach Japan, China, Ceylon - und hatte am Ende der Reise mehr Geld in der Tasche als bei der Abfahrt.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte und der Krieg ausbrach, wollte ich in keinem Hörsaal mehr sitzen und bat den Chefredakteur der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Berlin um ein Volontariat. "Ihr Platz bei uns ist Ihnen sicher", versprach Karl Silex, "aber erst promovieren Sie." Widerstrebend zog ich mich ins Elternhaus zurück und schrieb über Meinungsforschung. In den USA hatte ich die Methoden des amerikanischen Demoskopen George Gallup kennen gelernt, hierzulande war das Thema damals ganz neu. Nun lenkte mich nichts mehr ab. Ich ließ mir keine Zeit für den Friseurbesuch und kaum fürs Essen. Nach vier Monaten war die Doktorarbeit fertig. Nun standen in allen drei Studienfächern - Geschichte, Zeitungswissenschaft und Amerikakunde - Prüfungen an. Mein Problem: Ich war seit 1935 eingeschrieben, in Berlin, Königsberg, München und Missouri, hatte aber kaum vier Semester wirklich studiert. Meist war ich auf Reisen.