In Tokyos Ausgeh- und Einkaufsviertel Shibuya scheint alles unverändert: Die schicken Cafés sind gut gefüllt, die Nouvelle-Cuisine-Restaurants können über mangelnde Kundschaft nicht klagen, und die Designerboutiquen von Gucci bis Prada melden enorme Umsätze. Vor allem Japans Jugend ist es, die hier einkauft und feiert.

Und weiterhin alle Zeichen einer wirtschaftlichen Krise ignoriert. Aktienkurse und sonstige Wirtschaftsdaten bieten für Partys keinen Grund. Im Gegenteil: Vor allem Japans Bankensektor, seit langem schon marode, gibt immer neuen Anlass zur Sorge. Beinahe im Wochenrhythmus werden bisher nicht ausgewiesene faule Kredite bekannt. "Sie belasten die japanische Wirtschaft wie ein Krebsgeschwür", sagt Kenneth Courtis, Vice Chairman der Investmentbank Goldman Sachs in Asien. Die Ratingagentur Standard and Poor's hat auf die neuen Risiken der Kreditinstitute entsprechend reagiert: Sie stufte Japans Banken mit "BBB+" ein - letzter Rang unter den Industrieländern.

Die genaue Höhe der so genannten notleidenden Kredite hängt weitgehend vom Maßstab ab, den man anlegt. Wer streng sein will, sieht einen Kredit schon dann als notleidend an, wenn der Schuldner mit Zinszahlungen in Verzug gerät. Etwas großzügiger gesehen, ist ein Kredit erst dann faul, wenn die Raten für die Hauptschuld selbst ausbleiben. Auch die Qualität der vom Schuldner geleisteten Sicherheiten kann man in die Bewertung miteinbeziehen. Auf diese Weise kommt die staatliche Bankenaufsichtsbehörde FSA auf 48 000 Milliarden Yen (400 Milliarden Dollar) an notleidenden Krediten, während der Internationale Währungsfonds (IWF) vergangenes Jahr 95 000 Milliarden Yen (792 Milliarden Dollar) errechnet hat. Die politische Opposition dagegen spricht von 150 000 Milliarden Yen (1250 Milliarden Dollar). Das wäre mehr als ein Viertel des japanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Mögen die exakten Zahlen umstritten sein, die Ursachen für die Bankenmisere sind es nicht. Im traditionell engen Geflecht von Hausbank und Unternehmen, den Keiretsus, entsprach es lange Zeit nicht der Mentalität von Banken, die Kreditlinie zu kündigen, wenn ein Unternehmen mit Zinsen oder Tilgung in Verzug geriet. Auch gaben Banken allzu lange den Wünschen von Politikern nach, die ein unrentables Infrastrukturprojekt nach dem anderen für ihre Klientel durchsetzten. Kontrollmechanismen, so es sie denn gab, versagten. "Transparenz ist kein Bestandteil japanischer Kultur", sagt Theodor Leuenberger, Professor für Wirtschaftsgeschichte in Stockholm, der demnächst an der Universität Tokyo unterrichten wird.

"Der Hauptgrund für die Bankenkrise", so Klaus Papenbrock, bei der Deutsche Bank Research zuständig für Japan, "liegt in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre." In dieser so genannten Bubble-Phase vergaben die Banken immer wieder neue Kredite. Der Wert der Immobilien und Aktien, die sie als Sicherheit akzeptierten, schien ja in den Himmel zu steigen. Jetzt krankt der Nikkei, die Immobilien sind oft nur noch ein Zehntel von damals wert - die Banken stehen ohne Absicherung da.

Die Gefahren, die sich aus dieser Situation für die gesamte Wirtschaft ergeben, sind auf Dauer kaum zu unterschätzen. So schrecken Banken, verständlicherweise, vor riskanten Krediten zurück. Die Unternehmensfinanzierung verlagert sich daher auch in Japan vom Bankschalter auf den Kapitalmarkt. Zu den Verlierern zählen innovative Technologieunternehmen und Start-ups, die nur noch schwer an Kapital kommen. Risikokapitalgeber seien daher noch mehr gefragt als in anderen Ländern, so Ken Okamura, Vice President bei Dresdner Kleinwort Capital in Tokyo.

Noch bedenklicher ist, dass die japanische Notenbank in eine geldpolitische Sackgasse geraten ist. Obwohl Geld die Banken wegen der Nullzinspolitik der Notenbank praktisch nichts mehr kostet, nehmen sie der Bank von Japan keines mehr ab. "Der Transfusionsmechanismus, der Geld in das Wirtschaftssystem pumpt, funktioniert nicht mehr", sagt Henrich Maaß, bei der WestLB für Japan zuständig.