"Ich weiß nicht, was ich erzählen soll ... Vom Tod oder von der Liebe? Oder ist das ein und dasselbe? ... Ich weiß nicht." In der Geschichte von Ljudmila Ignatenko, die mit diesen Worten beginnt, ist es im Wortsinn ein und dasselbe. Eine Erzählung, in welcher die Ärzte der Schwangeren verbieten, den sterbenden Mann zu umarmen, der Strahlung wegen, ein Verbot, dem sich die Frau widersetzt, sie wird ein verseuchtes, sterbendes Kind gebären. Ljudmila Ignatenko: Frau des Feuerwehrmannes Wassili, der nach seinem Einsatz in Tschernobyl umkam.

Gegen alle Wahrscheinlichkeit, an den Rändern des Vernehmbaren und des Erzählbaren entlang, wurde diese Geschichte, und nicht nur diese, gehört, wurde Literatur: durch Swetlana Alexijewitsch, die weißrussische Schriftstellerin, die 1997 in ihrem nie genug gerühmten Totenbuch Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft den Menschen eine Stimme gab, die das Reaktorunglück vor nun 15 Jahren um ihr Leben brachte, selbst wenn sie überlebten.

Am 22. Juni erhält Alexijewitsch den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück, und wenn es jemanden gibt, dessen Werk man gegenwärtig um der Hoffnungslosen willen geehrt wissen möchte, dann ist es diese heute 52-jährige Weißrussin. "Unser bisheriger Sprachschatz, unser ganzes inneres Instrumentarium", sagt Alexijewitsch, reichten nicht aus, um zu erfassen, was in Tschernobyl geschah. Aber das stimmt nicht mehr ganz, seit diese Autorin über Jahre hinweg in jener radioaktiv verseuchten Region menschliche Stimmen aufspürte, um das Requiem aus Monologen von Arbeitern, Wissenschaftlern, Soldaten, Helfern, Müttern, von Verwirrten und Sprachlosen zu komponieren, das die Kritik zu Recht neben Dostojewskijs Aus einem Totenhaus stellte.

Aus den Büchern von Swetlana Alexijewitsch zu zitieren, zu denen auch die Geschichten russischer Selbstmörder zählen und das Werk Zinkjungen über den Afghanistankrieg, ist so wenig möglich wie bei jeder Literatur, die den Namen verdient. Denn Alexijewitsch ist nicht einfach Chronistin oder dokumentierende Zeugin, sie ist die Poetin literarischer Texturen, die sich nicht abkürzen lassen und die nur als Ganze den Schock bedeuten, der den Blick auf die Welt ändert. "Kommen Sie doch auch zu mir nach Hause", "zu mir auch, ich habe so lange keinen Besuch gehabt", sagen Bewohner des einsamen Planeten Tschernobyl ihrer Dichterin. "Zu Besuch kommen": kein Wort, das nicht - verstrahlt, wie auch die Bedeutungen sind - von seinem herkömmlichen Sinn getrennt wäre. Was heißt Besuch im Haus eines Verstrahlten?

Swetlana Alexijewitsch schreibt, als könne ein Gedicht Folgen haben, als wäre die Zukunft durch ein schwaches Band mit der Vergangenheit verbunden. Und lesen jedenfalls können wir.