In der Diskussion um die Rolle der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion hat sich die Perspektive immer mehr verlagert auf das Verhalten der "einfachen" Soldaten, auf Studien über einzelne Einheiten und Operationsräume. Darüber droht eine Gruppe aus dem Blick zu geraten, die noch gar nicht voll ins Visier der Forschung gerückt ist, obwohl ihr zweifellos eine Schlüsselposition zufällt: die Generalität. Nun hat Johannes Hürter, Mitarbeiter am Münchner Institut für Zeitgeschichte, zum 60. Jahrestag des deutschen Überfalls die Briefe und Tagebuchnotizen des Generals Gotthard Heinrici veröffentlicht. Sie geben nicht nur Aufschluss über die entscheidende militärische Phase des "Unternehmens Barbarossa" von seinem Beginn am 22. Juni 1941 bis zum Frühjahr 1942, sondern erlauben auch eine Antwort auf die Frage, welchen Anteil die militärische Elite an den Kriegsverbrechen in der Sowjetunion hatte.

Heinrici war Kommandierender General eines Armeekorps, seit Januar 1942 Oberbefehlshaber einer Armee im mittleren Abschnitt der Ostfront. Von Beginn an war ihm bewusst, dass es in dem Kampf um mehr ging als um eine militärische Auseinandersetzung, nämlich um die Vernichtung einer "Weltanschauung", des Bolschewismus, und um die Zerschlagung der Sowjetunion. Sosehr er diese Ziele Hitlers billigte, so skeptisch war er hinsichtlich der Möglichkeiten, sie mit den vorhandenen Kräften zu erreichen. Bereits Ende Juli 1941 war er überzeugt, dass die oberste Führung den Gegner gewaltig unterschätzt hatte und der Feldzug noch lange dauern würde. "So werden wir wohl hier im Stellungskrieg auf einer riesigen Front überwintern müssen" (3. 8. 41). In seine rassistischen Bemerkungen über die Minderwertigkeit der Slawen - "Dies Volk ist schon garnicht mehr mit unseren Maßstäben zu messen" (23. 10. 41) - mischen sich zunehmend Töne der Bewunderung für die Widerstandskraft der russischen Soldaten: "Der Feind uns gegenüber ist ein erstaunlich aktiver und zäher Bursche" (30. 7. 41).

Eindrucksvoll spiegelt sich in diesen Dokumenten der dramatische Wendepunkt des Krieges im Dezember 1941, als der deutsche Angriff vor Moskau stecken blieb und die Rote Armee zur Gegenoffensive überging. "Wir haben uns langsam aber sicher ans Ende unserer Kräfte gesiegt", notiert er am 6. Dezember, und zwei Wochen später heißt es in einem Brief an seine Frau: "Der Rückzug in Schnee u(nd) Eis ist absolut napoleonischer Art. Die Verluste sind ähnlich. Die Apathie der Leute steigt. Der Zustand der Truppe ist nur noch als bejammernswert zu bezeichnen ... Von der Höhe geht es ins Nichts." Offen übt Heinrici Kritik an dem bedingungslosen "Haltebefehl" Hitlers, durch den das gesamte Armeekorps mehrfach einer Umfassung und Vernichtung ausgesetzt wird. Sein Vertrauen in die oberste Führung ist erschüttert, und erstmals beschleicht ihn die Ahnung, dass der Krieg verloren gehen könne: "Wen die Götter verderben wollen, schlagen sie mit Blindheit" (24. 12. 41). Von dieser Einsicht führte allerdings, anders als bei manchem anderen Offizier, kein Weg in die Opposition gegen Hitler.

Diese Aufzeichnungen machen auch deutlich, dass der Feldzug gegen die Sowjetunion vom ersten Tage an die Regeln der herkömmlichen Kriegführung sprengte und mit einer beispiellosen Brutalität ausgetragen wurde. Erschießungen von Gefangenen sind an der Tagesordnung: "Der Russe benahm sich viehisch gegen unsere Verwundeten. Nun schlugen u(nd) schossen unsere Leute alles tot, was in brauner Uniform umherlief" (6. 7. 41). Nach dem Krieg behauptete Heinrici wie viele andere Kommandeure, den Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 strikt abgelehnt zu haben, doch seine Aufzeichnungen sprechen eine andere Sprache. So kommentiert er am 21. November die Liquidierung eines Kommissars durch die Feldgendarmerie: "Nicht schön für unsere Leute." Nichts einzuwenden hat er auch gegen die erbarmungslose Bekämpfung der Partisanen (oder von Zivilisten, die als solche verdächtigt wurden), und dass sein Dolmetscher, ein Leutnant Beutelsbacher, bei den Hinrichtungen besonders tatkräftig zu Werke geht, findet seinen Beifall. Allerdings: "Ich sage Beutelsbacher, er soll Partisanen nicht 100 m vor meinem Fenster aufhängen. Am Morgen kein schöner Anblick" (7. 11. 41).

Keinerlei Rücksichten glaubt Heinrici auch auf die Zivilbevölkerung nehmen zu müssen. Dass sich die vorrückenden deutschen Truppen weitgehend auf deren Kosten ernähren, registriert er ohne jede Gefühlsregung. "Bald ist nun aber der Landstrich, in dem wir sitzen, leer gefressen." Angesichts der Ausbeutung des Landes, der Zerstörung der Städte und der Grausamkeit des Kampfes drängt sich ihm immer wieder ein Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg auf: "Es herrschen Sitten und Gebräuche, genauso wie im 30jährigen Krieg. Nur der allein hat das Recht, der sich im Besitz der Macht befindet" (19. 11. 41).

Nicht berichtet wird in diesen Dokumenten über die Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung durch die Einsatzgruppen. So bleibt offen, wie viel Heinrici darüber erfuhr. Dass sich auch in diesem Fall bei ihm kaum Mitleid mit den Opfern, geschweige denn grundsätzliche Bedenken geregt haben dürften, lassen seine Mitteilungen in den Monaten vor dem Angriff auf die Sowjetunion erkennen, als er im Generalgouvernement auf Schritt und Tritt mit dem Leiden der Juden konfrontiert wurde: "Wanzen u(nd) Läuse laufen überall herum, ebenso schreckliche Juden mit Davidsstern am Ärmel" (22. 4. 41).

Antisemitismus, Antislawismus und Antisozialismus, zusammengezogen im mörderischen Feindbild vom "jüdischen Bolschewismus" - das war die ideologische Grundausstattung, mit der Heinrici in den Kampf gegen die Sowjetunion zog, und diese Prägung teilte er, wie der Herausgeber in seiner Einleitung darlegt, mit den meisten Wehrmachtgenerälen seiner Generation. Der Vernichtungskrieg war demnach nicht Produkt einer unvorhersehbaren Gewalteskalation, auch nicht allein das Resultat der verbrecherischen Befehle Hitlers - er war angelegt in den Mentalitäten und Dispositionen der deutschen Militärelite, wie sie sich im Ersten Weltkrieg, in der Novemberrevolution und der Weimarer Republik entwickelt hatten. Sie bildeten, so Hürters Fazit, "ein hochexplosives Gemisch, an das der Nationalsozialismus nur noch die Lunte legen mußte".