Jeder im nordhessischen Melsungen kennt die Alte Apotheke. Untergebracht ist sie in einem Fachwerkhaus mitten in der Altstadtidylle des 15.000-Einwohner-Städtchens. In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verkaufte dort ein gewisser Julius Wilhelm Braun diverse Wässerchen und Heilmittel und eröffnete nebenher einen Kräuterversandhandel. Daraus entwickelte sich bis heute ein weltweit agierender Konzern mit Produktionsstätten in fünf Kontinenten - die B. Braun Melsungen AG. Längst ist in die Alte Apotheke ein Restaurant eingezogen, die Firmenzentrale wurde in ein supermodernes, vom britischen Stararchitekten Michael Wilford entworfenes Gebäude vor die Tore der Stadt verlegt.

Ein Familienbetrieb ist das Unternehmen dennoch geblieben. Es firmiert zwar als Aktiengesellschaft, ist aber nicht an der Börse notiert; die Anteile gehören der Familie Braun. Vorstandschef Ludwig Georg Braun ist ein Urururenkel des Firmengründers; ihm wird wohl ein Braun der sechsten Generation folgen. So ist es in der Familie bereits ausgemacht.

Vielleicht muss man die Apotheke in der Nähe des Melsunger Marktplatzes selbst gesehen haben, um zu verstehen, warum der neue Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Ludwig Georg Braun, so oft und gern über das Thema Familie spricht. Was der Bundeskanzler bei den Koalitionsverhandlungen noch als "Gedöns" abtat, hat ausgerechnet ein Arbeitgeberfunktionär aus Hessen zum zentralen Thema gemacht: die schwierige Situation berufstätiger Mütter, den Mangel an Ganztagsschulen und Teilzeitjobs, die unbefriedigende Versorgung mit Kindergartenplätzen. Einer der entschiedensten Vertreter einer aktiven Familienpolitik sitzt neuerdings dort, wo man es am wenigsten erwarten würde: auf einem Chefsessel der Wirtschaftslobby.

Schon beim Amtsantritt als DIHT-Präsident verblüffte Braun seine Zuhörer mit der Ankündigung, das Jahr 2001 sei ein "Jahr der Frau". Eigentlich müsse man gar von einem "Jahrhundert der Frau" sprechen, denn lange werde es sich die Wirtschaft nicht mehr leisten können, das riesige Potenzial an hoch qualifizierten Frauen nur unzureichend zu nutzen. Vorsorglich erklärte er noch, er werde keinesfalls an einer Talkshow von Sabine Christiansen teilnehmen, der Sonntag sei bei ihm grundsätzlich für die Familie reserviert. Nur wenn die Moderatorin ihn zum Thema "Familienpolitik" befragen wolle, stehe er zur Verfügung. Nicht überall kam das gut an, schließlich war der neue Verbandschef ja noch gar nicht eingeladen worden.

Wenn Braun über seine anderen Lieblingsthemen redet, etwa eine "Neue Kultur der Selbstständigkeit", klingt das nach Empfehlungen, die man aus dem Arbeitgeberlager kennt: Existenzgründer sollen von unsinniger Bürokratie befreit werden und junge Sozialhilfeempfänger weniger Geld vom Staat bekommen, die Tarifparteien sollen eine Nullrunde vereinbaren, und die Regierung soll selbstverständlich die Steuern senken. Mit seiner Haltung zu Frauen- und Familienthemen jedoch unterscheidet er sich regelmäßig von den anderen Verbandslobbyisten.

Den neuen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit zum Beispiel, den die rot-grüne Regierung unter großem Protest der Wirtschaft einführte, findet Braun sinnvoll, "solange er nicht für Kleinbetriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern gilt". Im eigenen Unternehmen bemüht sich Braun, auch Männern Teilzeitjobs schmackhaft zu machen. Ein "Vatertag" ist geplant, an dem Männer mit Teilzeitstellen von ihren Erfahrungen berichten sollen. Braun sieht dort auch bei anderen Firmen Nachholbedarf. "Die Personalabteilungen müssen deutlich machen, dass den Männern so etwas nicht als Schwäche ausgelegt wird", fordert er.

Auch die Pläne der rot-grünen Regierung zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft sieht der neue DIHT-Chef anders als seine Kollegen. Frauenministerin Christine Bergmann hatte bereits vor Monaten Eckpunkte für ein Gesetz vorgelegt. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und Industriepräsident Michael Rogowski haben dem Kanzler erst kürzlich klargemacht, dass sie den Plan für überflüssig und nicht einmal Absichtserklärungen der Wirtschaft für besonders sinnvoll halten. Braun hingegen sagt: "Ich halte gar nichts von neuen Gesetzen, hierhin gehört eine Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft." Er plädiert für eine "Antidiskriminierungsregelung": Die Personalabteilungen sollten sich verpflichten, Frauen bei gleicher Qualifikation nicht zu benachteiligen. Ganz ohne äußeren Druck werde sich in den Unternehmen nichts ändern: "Dafür ist die Einsicht vieler Männer noch zu gering."