Vielleicht hat Ihre Schwieger-Großmutter die Wochenzeitung Das Reich vom 25. Februar 1945 gelesen. Dort prophezeite nämlich kein anderer als der Propagandaminister Joseph Goebbels, dass die Sowjetunion im Falle einer Kapitulation Deutschlands große Teile Ost- und Südosteuropas und auch Deutschlands besetzen würde - und ein "eiserner Vorhang" sich über Europa senken werde. Der Text erschien auch in der Londoner Times (mit der falschen Übersetzung iron screen statt iron curtain) . Churchill hat ihn ganz gewiss gelesen und den Begriff spätestens zu diesem Zeitpunkt in seinen Wortschatz aufgenommen. Schon im Mai oder Juni 1945 benutzte er ihn in einem Telegramm an den amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman - nicht erst in seiner Rede vom März 1946, die in vielen Lexika zitiert wird.

Aber auch Goebbels ist nicht der Schöpfer dieser Metapher. Der Begriff stammt aus dem Theater, er bezeichnet einen Feuerschutzvorhang, der hinter dem Hauptvorhang heruntergelassen wird, wenn die Vorstellung zu Ende ist. Und er wurde schon im Jahr 1918 von dem russischen Autor Wassilij Rosanow benutzt, um die Isolation der Sowjetunion vom Rest Europas zu beschreiben. Rosanow schrieb damals in seinem Buch Die Apokalypse unserer Zeit: "Unter Rasseln, Knarren und Kreischen senkt sich ein eiserner Vorhang auf die russische Geschichte herab. Die Vorstellung geht zu Ende." Christoph Drösser

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