Eine Nacht im Hotel. Wieder eine Nacht im Hotel. Um sieben Uhr entlädt sich ein Glasscherbengewitter, 328 Flaschen, die in den letzten Tagen geleert wurden, werden von der Leereflaschenabholfirma entsorgt. Das Museum macht zwar erst um zehn Uhr auf, aber ein frühes Frühstück ist auch schön, dann vermeidet man vielleicht diese Männer, die das Glas Saft, das sie sich am Büfett gerade eingegossen haben, sofort im Stehen austrinken und das nächste, das sie sich gleich nachgießen, auf dem Weg zu ihrem Platz austrinken. Die kleine Herrentasche baumelt an der anderen Hand, das leere Glas stellen sie an ihren Platz, neben den Zimmerschlüssel und den kleinen Plastikeimer, auf dem in drei Sprachen steht "Für Abfälle". Und wenn der auf dem Tisch steht, dann ist die Welt in Ordnung.

Welch eine Erfindung, welch ein Segen, dieser kleine Plastikeimer, weiß oder cremefarben oder perlgrau, manchmal mit Blümchen dekoriert, gelegentlich sogar mit einem kessen Schwingdeckel versehen, wie ein großer Plastikeimer für den höheren Müll. Wir stellen uns vor, dass der Erfinder des kleinen Frühstückplas-tikeimers, wie es so ist auf dieser Welt, weder angemessen entlohnt noch geehrt wurde. Wer war das, fragen wir jetzt die Herren vom Patentamt und die Sommeliers? Und gehen gedankenverloren zum Büfett, diesem frühen Treffpunkt der Unausgeschlafenen und Unverstellten aller Länder und Klassen. Man lädt sich, um das Plastikeimerchen wissend, am Büfett getrost den Teller voll mit all den abgepackten Köstlichkeiten, der Hero-Marmelade und der Butter, der Kraft-Käseecke und dem Honig, auch mit dem eingeschweißten Pumpernickel und dem verpackten Zwieback, schließlich einem lauwarmen harten Ei aus dem Kissenkörbchen, einem Jogurtbecher und, etwas Frisches braucht der Mensch, einem genormten Apfel von Granny Smith.

Alles, was das Herz begehrt. Manchmal dauert es etwas länger, bis man, unter Zuhilfenahme des stumpfen Messers, den Pumpernickel ausgeschweißt, das Marmelade- oder Kaffeesahnenäpfchen entdeckelt hat. Das freilich würde einem auch nichts nützen, wenn nicht der kleine Plastikeimer da stünde, in dem man alles entsorgen und gleichzeitig die morgendliche Ausschweifung verbergen, sich selbst entbergen kann, ach so, ein Zitat von Heidegger, das wäre vielleicht doch die letztendliche Vervollkommnung des Eimerchens. Aber nicht unbescheiden werden, und nun also: Wir entsorgen die Eierschalen, das Marmeladennäpfchen, die Apfelschalen, die Käserinde, das Zuckertütchen, die Wurstpelle, das Staniolpapier, das aus dem Brötchen herausgepulte, unausgebackene Innere. Aus diesem machen wir aber zunächst eine Kugel, lassen sie durch die kleine Schwingtür plumpsen und stellen uns vor, dass der Frühstückplastikeimer eine deutsche Erfindung war, eine basisdemokratische grüne Idee, und dann folgten all die anderen Eimer, grün und gelb und rot, für ausgespülte und nicht ausgespülte Jogurtbecher, für gelesene und nicht gelesene Zeitungen.

Die Sorge steht am Anfang aller Entsorgung. Sorry, kann man da nur sagen, wenn man daran denkt, dass in England Premierminister Tony Blair nach seinem triumphalen Wahlsieg als Erstes seinen Außenminister Robin Cook in ein anderes Amt versetzt hat. Weil der Gedanke an Europa diesem zu nahe war. Nun gut, diese Position war auch wirklich heikel und für einen Engländer kaum verständlich. Denn der Kontinent, wie man auf Englisch sagt, ist als Lebensart für die Briten doch eher eine Zumutung, und den Rotwein kann man sich ja schicken lassen.

Viele gute Gründe gibt es für den Engländer, den Kontinent für nicht kompatibel zu halten, aber an einem Punkt irrt er, und hier könnte Joschka Fischer, ähnlich wie kürzlich bei seinem Auftritt mit Scharon und Arafat, sich durch deutsches Einwirken große Verdienste machen um die Annäherung der Kontinente. Ein delikater Auftrag wäre es, denn es ginge darum, den Engländern klarzumachen, dass wir etwas zu bieten haben, das den Tagesanfang ziert und erleichtert.

Neulich, in einem reizenden kleinen Hotel in London, musste ich das Frühstück im Zimmer einnehmen, Bestellung am Abend zuvor. Ein Kellner brachte es zur gewünschten Uhrzeit auf einem Tablett. Das Rührei war unter einer Wärmeglocke, die Butter ausgestochen zwischen Eisstücken in einer Schale, der Toast in einer Serviette, die Tiptree-Orangenmarmelade in einem kleinen Glas mit Schraubdeckel. Dazu zwei Zeitungen. Nichts zu entsorgen. Ach, Europa.