Wo sonst sollte die Geschichte des wichtigsten HipHop-Labels der Welt ihren Anfang nehmen als in einem kleinen Second-Hand-Plattenladen gleich neben der UBahnröhre, die Manhattan mit der Bronx verbindet? Tom Silverman, ein musikbegeisterter Geologiestudent aus Michigan und Herausgeber der Dancefloor-Postille Disco News, stolperte Ende der siebziger Jahre in diesen engen Kellerraum. Alle vier Wände waren mit Singles zugepflastert.

Hinter dem Tresen hörten die Kunden ein, zwei Beats lang in die Platten rein. Das reichte offensichtlich, um die entscheidenden 10 Sekunden eines Albums auszuchecken. Auf den Covern fanden sich die dazu passenden Aufkleber, wie Mardi Gras, Son Of Scorpio, Ali Shuffle, Songtitel, die den Preis von 20 Dollar rechtfertigen sollten.

Die 14-jährigen schwarze DJ-Kids legten oft ihr ganzes Geld zusammen, um eine dieser Platten nach Hause zu tragen. Es waren genau die Nummern, die sie vorher in den Clubs auf den Plattentellern ihrer Idole Kool Herc, Grandmaster Flash oder Afrika Bambataa erspäht hatten.

»Als ich das sah«, so Tom Silverman, »wusste ich, dass ich ins T Connection gehen musste«, Afrika Bambataas Stammclub in der Bronx. Außerdem versprach die Ankündigung »James Brown Tribute« und »Invited Guests: Kraftwerk«.

Natürlich sollte keiner von denen im Verlauf des Abends persönlich auftauchen. Aber Tom Silverman hörte etwas, das ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wollte: »Bambataa mischte Kraftwerk mit Jazz. Er spielte Mary Mary von den Monkees, Billy Squiers Big Beat , und davon nur das dun-daa, duh, dun-dun-dak ... Ich fühlte mich sofort wohl, auch wenn ich der einzige Weiße im ganzen Laden war.«

Beim Austragen seiner Disco News hörte Silverman in diversen Plattengeschäften ständig Rapper's Delight von der Sugar Hill Gang, den ersten kommerziellen Rap-Hit, aus den Boxen dröhnen. Dann las der 24-Jährige auf einer Obstkiste im Keller seines Vaters den Schriftzug Tommy Boy. Das klang ähnlich griffig wie Sugar Hill. »Und da ich überzeugt war, dass das Sugar Hill Label von Rap keine Ahnung hatte, beschloss ich, denen Konkurrenz zu machen.«

Das war 1980. Silverman buchte Afrika Bambataa für 25 Dollar die Stunde in ein heruntergekommenes Studio. Einzige Zutaten: der Sound einer Fairlight-Drum-Maschine und eines Roland-808-Synthesizers. Nach einem gefloppten Debüt und mit riesigen Schuldenbergen im Rücken war Silverman kurz davor, das Handtuch zu werfen. Doch Bambataas Jazzy Sensation ließ in New York die Lautsprecher knallen und der Nachfolger Planet Rock den Sound des Elektrofunk weltweit explodieren: Beat Box und Synthesizer gehörten bald in jede Rapper-Schultüte. Und Silverman schrieb mit schwarzer Science-Fiction-Musik schwarze Zahlen.