Wir scheißen auf alles und schlafen den ganzen Tag. Deine Tante Zarah", las Brigitte auf dem Zettel, den sie frühmorgens fand. Er lag auf dem mächtigen Küchentisch im Herrenhaus des Gutes Lönö, dem imposanten Zuhause der nicht minder imposanten Zarah Leander. Oft fand sie hier Nachrichten der schlaflosen Diva. "Manchmal hat Zarah mich nachts geweckt", erzählt sie heute, "dann haben wir an diesem Tisch gesessen, Mensch ärgere Dich nicht gespielt, und dabei hat Zarah nachgedacht. Plötzlich sagte sie: Hol die Schreibmaschine, jetzt beantworten wir endlich den Brief. Zu manchen Filmangeboten kamen ihr die besten Antworten nachts." Danach rührten sich die beiden Frauen eine Tütensuppe an, tranken Pilsener und gingen wieder zu Bett. Brigitte liebte die nächtlichen Sitzungen. Onkel Arne, Pianist und Leanders Ehemann Arne Hülphers, schimpfte dann: "Weck nicht ständig das arme Mädchen." Zarah beruhigte ihr Gewissen: "Ach, Brigittchen ist jung." Brigittchen war 23.

Den Kosenamen erhielt Brigitte Charlotte Anhök drei Jahre zuvor, an einem Abend 1956 in Berlin - er besiegelte den Beginn einer gleichsam innigen wie vielseitigen Beziehung zwischen zwei Frauen: Sekretärin und Tourneebegleiterin, Vertraute und Verbündete, Schwester und Tochter sollte Brigitte der Sängerin und Schauspielerin werden. Der Unerreichbaren, für die sie seit ihrem 14. Lebensjahr schwärmte, als sie zu Hause in Duisburg den Film Heimat gesehen hatte. Sie sammelte Fotos, Platten, Autogramme und die Tickets zu Konzerten und Theaterstücken, derentwegen sie "ihrer" Zarah hinterhergereist war. Jedes Zeichen oder Wort, das die kapriziöse Schwedin an das junge Mädchen richtete, ließ den Star Zarah Leander mehr in den Hintergrund rücken. Brigitte schloss die Frau - hinter all der Schminke - in ihr Herz: "Sie hatte eine unglaubliche Ausstrahlung." Aus Brigittes großer Bewunderung, einem Gefühl, das nur mit Verliebtsein zu vergleichen ist, wurde Fürsorge für den Star: Bettelnd entlockte sie Manager Otto Hofner den Tourneeplan. Fortan fand Zarah Spitzendeckchen und frische Blumen in ihrer Garderobe.

Und dann besagter Abend: Nach den Konzerten fühlte sich Zarah Leander manchmal etwas verloren, plötzlich war es so still. Etwas stiller war es ohnehin insgesamt um sie geworden nach den Kriegsjahren. Gerührt von der Mühe der 30 Jahre Jüngeren, bat sie Brigitte zu sich, dankte ihr - und fragte nach ihrem Beruf. Brigitte: "Ich bin Sekretärin." Zarah: "Magst du mir mit der Fanpost helfen?" So saßen sie fortan stundenlang an der Post: "Ich habe Kuverts adressiert, und Zarah schrieb Autogramme, bis ihr die Finger schmerzten."

Sie folgte "ihrer" Zarah, wohin sie auch immer ging

Als Dank schenkte ihr die Leander Zuneigung und Zuwendung, lud sie ein zu Premieren, Konzerten, zu Empfängen. "Einmal bat sie ihren Manager, mich in Hannover im Hotel zu einem Konzert abzuholen, aber ich sagte: Nicht nötig." Brigitte wollte nicht zugeben, dass sie im billigen Bunkerhotel abgestiegen war. Stolz war sie aber, als sie mit 21 Jahren ihr erstes Auto kaufte, einen DKW Junior - mit 30 Prozent Rabatt, weil sie bei der Autounion in Düsseldorf angestellt war. "Den hätte ich dann fast kaputtgefahren", erzählt sie, "als ich Zarahs Cadillac durch Deuschland hinterhergerast bin." - "Die Wahnsinnige ist hinter uns", pflegte sich die Leander liebevoll über ihren Anhang zu amüsieren. "Die Wahnsinnige", lacht Brigitte mit tiefer Stimme, die an die Sprechstimme der Leander erinnert.

"Aber gesungen habe ich Koloratursopran." Am Konservatorium Duisburg nahm Brigitte Unterricht. Nachdem sie zwei Wettbewerbe gewonnen hatte, wollte ein Talentsucher Kontakt zu einer Plattenfirma in Köln herstellen, aber sie lehnte ab. "Ich wollte vermeiden, dass Zarah denkt, ich würde sie wegen einer Gesangskarriere ausnützen wollen."

Die heute 66-Jährige spricht liebevoll, fast als wäre sie noch hier, von ihrer Nenntante Zarah. Sie streicht zärtlich über das etwas verblichene, doch noch immer prachtvoll geblümte Sofa, das einst das Musikzimmer auf Gut Lönö schmückte. Nun steht es in der Zweizimmerwohnung in der schwedischen Kleinstadt Norrköping, nicht weit von Lönö, die sie mit ihrem Mann Tore Pettersson und ihrer Irländisch-Terrier-Hündin Molly bewohnt. Silbergerahmte Fotos zeigen Brigitte und Tore, Brigitte und Zarah. Der kleine Marmortisch und die Porzellanteller an den Wänden stammen auch aus Lönö. Auf einer Hammondorgel liegt Zarahs berühmte Hornsonnenbrille, darunter eine Spitzendecke. "Ach, hätten sich Molly und Zarah kennen gelernt, sie liebte Hunde so sehr", bedauert Brigitte. Tore und Zarah kannten sich gut. Tore war Landwirt und Gärtner auf Lönö, dort lernten sie sich 1967 kennen: "Mein Leben ist mit Zarahs verflochten, sogar meinen wunderbaren Mann verdanke ich ihr."