Der Schlag hatte gesessen. Selbst Craig Venter musste sich erst mal einen Tag lang schütteln. Dann wurde der Boss der Genom-Company Celera doch noch seinem Ruf gerecht, bei Bedarf immer eine Gehässigkeit mehr im Lauf zu haben als seine Gegner: Es gebe zwei Methoden, um in der Wissenschaft Führung zu erlangen, pestete er einem Reporter ins Mikrofon: "Entweder man tut etwas Bahnbrechendes, oder man kritisiert den, der etwas Bahnbrechendes tut. Ich habe die erste Möglichkeit gewählt."

Tags zuvor hatte der Gen-Guru öffentlich herbe Kritik einstecken müssen. Eine einzige Seite im Fachblatt Nature reichte dem Stanford-Professor Samuel Karlin, um Venter luschige Arbeit nachzuweisen. Mindestens eine von Celeras hoch gelobten Gendatenbanken, ein kommentiertes Inventar aller Gene der Fruchtfliege Drosophila, stecke voller Fehler, hatte Karlin dem Unternehmer vorgehalten. Eine kalte Dusche nicht nur für Celera und seine Kunden, sondern für das ganze Genom-Business.

Ein Jahr nach der bombastisch verkündeten Entschlüsselung des menschlichen Erbguts macht sich bei Forschern und Pharmafirmen Ernüchterung breit. Die Datensätze entpuppen sich als Flickwerk, die Kosten für Entwicklung neuer Medikamente sind höher als erwartet. Die Hoffnung auf schnelle Heilung von Krankheiten wie Krebs, Alzheimer und Parkinson erweist sich als verfrüht.

Das Geschäft der Genomdealer beruht im Moment vor allem auf dem Verkauf von Lizenzen für die Gendaten von Mensch und Tier. Bei Celera liegen neben dem Fliegenerbgut auch die rund drei Milliarden menschlichen Genbausteine in den Datenspeichern. Und den Zugang zu den kommentierten Erbkatalogen lässt sich Celera gut bezahlen - akademische Forschungsinstitute sind schon mit 1500 Dollar dabei, für die Pharmaunternehmen jedoch, die mithilfe der Gendaten ihre Arzneimittelforschung zu beschleunigen trachten, sind Gebühren in Millionenhöhe fällig. So viel ist die Genware im Moment kaum wert, weil vermutlich auch der menschliche Datensatz vor Fehlern strotzt, meint Karlin.

Der Mathematiker hatte die von Celera anhand der Geninformationen vorhergesagten Fliegenproteine mit den experimentell entschlüsselten Fliegeneiweißen in der SwissProt-Datenbank verglichen - und ein deprimierendes Resultat erzielt. Von gut 1000 Einträgen in Celeras Fliegenarchiv bestanden gerade mal 26 Prozent die Gegenprobe. Bei einem knappen Drittel stieß Karlin auf kleinere Fehler. Der Rest erwies sich als Datenschrott - in den Gentexten wimmelte es von Lesefehlern, sinnlosen Einschüben und Auslassungen. Bei der Veröffentlichung des Drosophila-Genoms sei Celera "vielleicht doch ein wenig voreilig zu Werke gegangen", stichelte Karlin und warnte Firmen und Forscher vorsorglich schon mal vor ähnlichen Zuständen in den menschlichen Datenbeständen. Wer den "gegenwärtigen Humangenomdaten irgendwelche Schlussfolgerungen" entlocken wolle, müsse äußerst vorsichtig sein, empfahl er.

Das tat weh, und die Attackierten übten sich sofort in der Vorwärtsverteidigung. Vor allem Gerald Rubin, der die Entzifferung der Fliegengene zusammen mit Celera als kommerziellem Partner in Gang gesetzt hatte, sprang Venter auf eigenwillige Weise zur Seite: Wenn wirklich nur die Hälfte der Drosophila-Daten fehlerhaft sei, schnappte der Genetiker von der University of California, habe "Celera bereits eine Goldmedaille verdient".

Im Übrigen seien wohl eher die SwissProt-Einträge unbrauchbar - eine Behauptung, die bei Helmut Blöcker von der Gesellschaft für biotechnologische Forschung in Braunschweig nur Erheiterung hervorruft. Denn die Bestände der SwissProt-Eiweißdatenbank - 1987 vom Schweizerischen Institut für Bioinformatik in Genf ins Leben gerufen - gelten als sorgfältig geprüft.