Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor. "Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird", sagte Bloch.

"Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, daß der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, daß der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will? Und so weiter, und so weiter."

Bloch sah, wie nach und nach alle Spieler aus dem Strafraum gingen. Der Elfmeterschütze legte sich den Ball zurecht. Dann ging auch er rückwärts aus dem Strafraum heraus. - "Wenn der Schütze anläuft, deutet unwillkürlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Körper die Richtung an, in die er sich werfen wird, und der Schütze kann ruhig in die andere Richtung schießen", sagte Bloch. "Ebensogut könnte der Tormann versuchen, mit einem Strohhalm eine Tür aufzusperren."

Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände.

Bei so viel Nachdenken - kein Fußballroman, selbst wenn der zur Redensart gewordene Titel der Erzählung auch im Stadion gern zitiert wird. Mit keinem seiner Werke ist der über Sprache und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit nachdenkende Autor so populär geworden wie mit diesem Buch, das wohl nur wenige gelesen haben, die den Titel fröhlich schaudernd im Munde führen. Denn auch der ehemalige Torwart, aus dessen Blickwinkel erzählt wird, zerquält sich, auf seine Weise, den Kopf mit sprachtheoretischen Überlegungen. Dem Monteursberuf entlaufen, aus aller Sicherheit gefallen, erlebt Bloch die Welt mit anderen Augen. Am Ende glaubt er, sich nur durch einen Mord aus der Scheinhaftigkeit des Daseins auf den Boden der Realität retten zu können.

Auflösung aus Nr. 25: Novalis "Heinrich von Ofterdingen"