Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 überschreiten die Truppen der deutschen Wehrmacht ohne Kriegserklärung die Grenzen der Sowjetunion - drei Millionen Mann unter Waffen. Den Gegner überrumpelnd, sollen die Armeen ohne Halt weit ins Innere des Landes vordringen, die gegnerischen Kräfte durch großräumige Kesselschlachten möglichst schon in Grenznähe vernichten und die Herrschaft des Bolschewismus unter der Wirkung dieses Schocks zum Einsturz bringen. Den Hauptstoß, mit 60 Infanterie- und Panzerdivisionen, hat die Heeresgruppe Mitte zu führen: Moskau soll als Erstes fallen. Mit weit geringeren Kräften ausgestattet, würden die Heeresgruppen Nord und Süd Leningrad und Kiew, die beiden anderen Metropolen des Sowjetreichs, in raschem Vorstoß einnehmen.

Doch der Plan misslingt.

Im Südabschnitt kommt der Blitzkrieg schon in den ersten Tagen zum Stehen.

Durch geschickte Verteidigung, vor allem im Raum um die galizische Stadt Lemberg, wird die Absicht der Deutschen vereitelt, die sowjetischen Verbände schon westlich des Dnjepr auszuschalten. Erst als die Rote Armee am 27. Juni überraschend zurückweicht, kann der Vormarsch fortgesetzt werden. Der Angriff auf Lemberg ist für den 30. Juni befohlen.

Das Zentrum Galiziens galt seit den Zeiten Habsburgs als östlichste Stadt Mitteleuropas - ein Ort vieler Kulturen und Konfessionen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zerbrach diese glückliche Symbiose

Lemberg verwandelte sich in einen Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen der polnischen Mehrheit und den nach Unabhängigkeit strebenden Ukrainern. Die Leidtragenden waren die Juden: Sie wurden von beiden Seiten verdächtigt, national unzuverlässig zu sein. Ihre Lage verdüsterte sich, als Galizien durch den Hitler-Stalin-Pakt im Herbst 1939 sowjetisch wurde. Obwohl die Besatzer engagierte Zionisten, wohlhabende jüdische Bürger und die zahlreichen Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Polen verfolgten und deportierten, sind die Juden für viele ihrer christlichen Nachbarn Sympathisanten und Kollaborateure der Kommunisten. Als die deutschen Truppen sich zum Angriff auf Lemberg anschicken, leben dort etwa 160 000 Polen, 150 000 Juden und 50 000 Ukrainer.

Antreten zum Spießrutenlaufen