Es hat, in der Alten Welt, einmal eine Geschichte gegeben, die ein ähnliches Anfangsbild zu einer kosmischen, wenn auch trügerischen Harmonie aufspannte: "An einem schönen Flusse, der eine halbe Stunde von Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene ... An einem sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern ... und es war schön anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam, und sich mählig voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels hinabgingen und verschwanden."

Hunderte von Jahren und Meilen entfernt, entrollen die Worte eines schottischstämmigen Kanadiers mit einem ebenso archaischen Herbstbild den Weg in eine Erzählung: "Während ich diese Geschichte niederschreibe, glänzt der Südwesten Ontarios golden im September. In der hell leuchtenden Herbstsonne prangt die fruchtbare Landschaft, als sei sie einem Gedicht von Keats entsprungen." Obstpflücker bücken sich über die Ackerfurchen, und "über das bereits kahle Land kriechen die Traktoren der Farmer, sie pflügen die Reste der alten Ernte unter und bereiten damit eine neue vor".

Der Erzähler - froh, wenn er auf dem Highway "an Häusern vorbeifährt, wo die Hunde noch zum Straßenrand herunterrennen und die Räder der vorbeifahrenden Autos anbellen" - führt seine Leser nicht nur in ein ärmliches Zimmer in einem schmutzigen Viertel Torontos, sondern auf eine bewaldete Insel vor Neuschottland und die alten Highlands, weit zurück vor jene Zeit, als Gottfried Keller Erzählungen schrieb, die nichts weniger als fromme Heimatdichtung sind. Auf dem abendlichen Rückweg, wenn die Wanderarbeiter von den Obstfeldern in ihre Baracken zurückkehren, wird er eine Fülle von Biografien, Legenden und Anekdoten augebreitet haben.

Doch auch der 65-jährige Alistair MacLeod erzählt - von Brigitte Jakobeit in ein leichtes, klares Deutsch übertragen - mehr als eine Familiensaga zwischen Alt- und Neuschottland und alles andere als nostalgischen oder folkloristischen Heimatkitsch. Die Geste des Bescheidwissers ist ihm so fremd wie die des hemmungslosen Fabulierers, und die Einwanderergeschichten einer Annie Proulx etwa wirken dagegen wie eine Fuhre Heu gegen ein paar leuchtende Grashalme. Alexander MacDonald, genannt gille bhig ruaidh, kleiner Rotschopf, der seinen ältesten Bruder Calum allwöchentlich mit Alkohol versorgt, ist ein normaler "Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts", der zu den Worten gälischer Lieder reflexartig die Lippen bewegt

einer also, der auf unspektakuläre Weise von Erinnerungen und Erzählungen bewohnt wird. So, als gewachsene, erlebte und gehörte Vergangenheit, ergibt sich das Mosaik eines Clans von Rot- und Schwarzhaarigen, dessen jüngste Nachfahren einander immer noch mit dem Satz ermuntern, den der Rückeroberer Schottlands, Robert Bruce, 1314 seinen Kriegern auf den Weg gegeben haben soll: "Meine Hoffnung ruht fest in dir, Clan Donald."

Es sind Geschichten vom Einwanderer Calum Ruadh, der 1779 in Cape Breton, dem Land der Bäume, landete

von zwei Großvätern, die lebten, wie sie starben, der eine über der History of the Scottish Highlands, der andere, "als er in die Luft sprang und dabei versuchte, die Hacken zweimal aneinanderzuschlagen". Geschichten von den Kindern dieser beiden Männer, dem Leuchtturmwärter und seiner Frau, die vor der Insel unterm Eis starben und nicht nur den dreijährigen gille bhig ruaidh mit seiner Zwillingsschwester, sondern auch drei große Brüder hinterließen, die jahrelang an der Küste fischten und dann als Wanderarbeiter in die Bergwerke gingen. Geschichten von (vielen) starken Männern und (wenigen) starken Frauen, von Liebe und Arbeit, doch kein Klagegesang um verlorene Zeiten. Geschichten vom gestrandeten Wal, von Hunden, "treu bis zum Umfallen", oder vom Zahnausziehen durch ein weggaloppierendes Pferd - aber keine Heldengeschichten: "In Calums Unterlippe klaffte ein tiefer Riß, dort, wo der Faden das Fleisch durchtrennt hatte ... Er schien in einem leuchtend klaren, ganz eigenen Rot zu bluten."