Joschka Fischers Ministerium gründet eine Schule: Zivile Krisenhelfer sollen dort auf den Auslandseinsatz für OSZE und Uno vorbereitet werden. Die Bundesregierung wird das Geld für ein Ausbildungszentrum in Berlin bereitstellen, so hat es das Kabinett beschlossen, und niemand rechnet mit nennenswertem Widerstand im Parlament. Die halbstaatliche Institution könne schon in wenigen Monaten eröffnet werden, heißt es im Außenministerium. Ob als Menschenrechtsbeobachter in Tadschikistan, Wahlhelfer in Bosnien oder Verwaltungsangestellter im Kosovo - bewerben kann sich für das Krisentraining jeder, der qualifiziert ist, Englisch spricht und ein wenig Auslandserfahrung hat.

Damit ziehen die Deutschen Konsequenzen aus zuweilen demütigenden Erfahrungen. Besonders die Kosovo-Verifikations-Mission (KVM) hat gezeigt, wie unverantwortlich es ist, Zivilisten von heute auf morgen in Krisengebiete zu schicken. Ende 1998 wollte die OSZE, die ausschließlich zivile Mitarbeiter hat, den Waffenstillstand zwischen Belgrad und der albanischen Rebellenarmee UÇK überwachen, den der amerikanische Vermittler Richard Holbrooke ausgehandelt hatte. 2000 Beobachter sollten eingesetzt werden, darunter 200 aus Deutschland. Das war leichter gesagt als getan. "Wir haben bei der Regierungsübernahme gemerkt, dass die Bundesrepublik kaum geeignete Kräfte hatte. Die Teilnehmer der KVM mussten aus den unterschiedlichsten Winkeln der Republik ohne jede Vorbereitung zusammengetrommelt werden", erinnert sich Staatsminister Ludger Volmer, "das war alles andere als optimal." Einer, der im Kosovo dabei war, wird deutlicher: Ein Chaos sei die Mission gewesen, bei dem "Leute in die Schusslinie gerieten, die nicht einmal wussten, wie sie das Funkgerät bedienen sollten, das man ihnen gegeben hatte. Ein Wunder, dass niemand gestorben ist."

Zurzeit sorgt die Staatengemeinschaft in zwei Gebieten, im Kosovo und in Osttimor, nicht nur für Sicherheit, sondern auch für die komplette Verwaltung. Dazu sind viele qualifizierte Zivilisten nötig. Bislang geht es nur um zwei Fleckchen Erde mit relativ wenigen Einwohnern, aber der dortige Einsatz dürfte für die Zukunft verpflichten. Wenn zum Beispiel der Kongo, der so groß ist wie Westeuropa, auseinander bräche und die Uno helfen wollte, müsste sie außer Zehntausenden Soldaten auch viele tausend ausgebildete Zivilisten entsenden. Vielleicht sind dann auch Deutsche darunter.

Dass Zivilisten auf den Einsatz in Krisengebieten vorbereitet werden sollen, hatten SPD und Grüne bereits im Koalitionsvertrag vereinbart. Einen Pool von "Paradiplomaten, die ad hoc zur Verfügung stehen", wünscht sich Ludger Volmer. Fünf Monate nach dem Desaster der Kosovo-Verifikations-Mission schulte das Auswärtige Amt erstmals Zivilisten für Einsätze bei Friedensmissionen. 21 Lehrgänge wurden bislang durchgeführt, mittlerweile gibt es 360 Absolventen. Das AA ist mit der Pflege der "Personalreserve" überfordert, für Evaluierung der entsandten Zivilfachkräfte fehlt Personal, und eigentlich ist das Ganze auch keine ministerielle Aufgabe. Mit dem neuen Ausbildungszentrum in Berlin soll alles besser werden. Weil jetzt vier Millionen Mark pro Jahr, doppelt so viel wie bisher, zur Verfügung stehen, kann die Ausbildung ausgelagert und professionalisiert werden. 16 bis 20 feste Mitarbeiter sollen geeignete Missionsteilnehmer rekrutieren, ausbilden, deren Einsätze planen und betreuen. Außerdem will man sich um Forschung und internationale Vernetzung kümmern. Menschenrechte und Wahlen, Demokratisierung, Aufbau von Verwaltung und Justiz, Struktur der in Krisengebieten vertretenen Organisationen - viele Themen stehen auf dem Ausbildungsplan. Dazu gehören auch Übungen mit Bundeswehrsoldaten, in denen das Fahren von Geländewagen, Funken und richtiges Verhalten in verminten Gebieten trainiert werden - das müssen die Juristen, Verwaltungsexperten, Politik- und Sozialwissenschaftler erst lernen. Zwei Wochen lang dauert die Vorbereitung. "Fahrlässig kurz", sagen Kritiker - "kurz und knapp, weil die Teilnehmer ja schon Qualifikationen mitbringen", meinen die Organisatoren im AA.

Zwei Wochen sind zu kurz

In Deutschland gibt es auch eine vier Monate lange Ausbildung. Das Entwicklungsministerium (BMZ) finanziert den so genannten Zivilen Friedensdienst. Auch dort werden Zivilisten auf Einsätze in Krisengebieten vorbereitet. Es sei unglücklich, dass die Bemühungen parallel liefen, meint Gudrun Steinacker, die Trainingskoordinatorin der OSZE. "Typisch deutsche Überlappungen", sagt sie. Ludger Volmer indes weist den Vorwurf zurück. Die Aufgaben seien unterschiedlich. Während die AA-Leute immer bei mandatierten Missionen eingesetzt werden, arbeiten die zivilen Friedensdienstler des BMZ auch außerhalb dieser Missionen, meist geht es um Vermittlung zwischen Konfliktparteien.

Allerdings arbeitet die Mehrzahl der Absolventen beider Ausbildungen in der gleichen Gegend, auf dem Balkan. Und alle gelten als geeignet für OSZE- und UN-Einsätze. "Krisenbearbeitung ist Krisenbearbeitung", sagt Gudrun Steinacker von der OSZE, "alle sollten an einem Strang ziehen und nicht staatliche Mittel streuen." Christian Schmidt, der außenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, hat für das Nebeneinander eine Theorie: "Es geht um Egoismen von Ressorts", sagt er, "um die Befürchtung, dass ein Ministerium den gesamten Bereich Krisenprävention schluckt." Das AA gibt jährlich 28,6 Millionen Mark für zivile Krisenprävention und -bewältigung aus, das BMZ 17,5 Millionen allein für den Zivilen Friedensdienst. Und das Bildungs- und Forschungsministerium hat mit 50 Millionen Mark vor zwei Monaten die Deutsche Stiftung Friedensforschung ausgestattet. Dort wird unter anderem die Einrichtung von neuen Studiengängen an deutschen Hochschulen vorbereitet, die ebenfalls hoch qualifizierte Kandidaten für UN- und OSZE-Missionen hervorbringen sollen. Denoch findet der CSU-Mann Schmidt es "im Prinzip richtig, dass die Regierung sich verstärkt um die Ausbildung von Friedensfachkräften kümmert". Schon aufgrund der bisherigen Kurse des Außenamts hat sich viel verändert. "Deutsche nehmen wir jetzt viel öfter als früher", heißt es bei der OSZE.