Von Salvador Dali ist überliefert, dass er ein Püree aus Kartoffeln und Heringen anzufertigen pflegte, um es sodann seiner angebeteten Gala in eine ihrer Kniekehlen zu füllen. Ob dieser Serviervorschlag wohl auch mit Labskaus umzusetzen wäre, dem nordeuropäischen Seemansgericht aus gepökelter Rinderbrust und Kartoffeln, das gleichfalls als Mus daherkommt und in diesem Falle wohl einem Hafenmädchen ins Knie (das schönere von beiden) gefüllt werden müsste? Die Gedanken schweifen weiter, an Risotto Milanese beispielsweise, Chili con Carne, Couscous, immer mit den dazugehörigen Darreichungsformen, und spätestens an dieser Stelle wird sich der eine oder die andere vermutlich fragen: Spinnt der Mann?

Wie man's nimmt. Tatsache ist, dass es vielerlei Färbungen des Zusammenhangs von Ess- und Geschlechtslust gibt, und noch unbestreitbarer ist dieser Zusammenhang selbst. Mag der eine von den Bratkartoffeln seiner Wirtin und von der Wirtin selbst schwärmen, der andere mit Vorliebe Eisdielen im Sommer besuchen, weil sich dort allerliebste orale Sensationen aus den Augenwinkeln beobachten lassen - Essen und Erotik haben einen gemeinsamen Nenner, und der ist die Lust.

Erst recht die Lust an der Lust des geliebten Anderen. Um so merkwürdiger die Äußerung Lord Byrons, "eine Frau sollte niemals beim Essen und Trinken zu sehen sein"; rätselhaft erst recht seine Einschränkung "es sei denn bei Hummersalat und Champagner, den einzig wirklich weiblichen und zuträglichen Nahrungsmitteln". Ihm hatte es vielleicht an Gelegenheit gefehlt, Spaghetti-Esserinnen zu erleben oder das Anbeißen eines Pralinés. Es muss natürlich das richtige Mahl sein. Abzuraten ist von reichen und währschaften Cassoulets, wenn beabsichtigt ist, dass die Genüsse hernach noch auf anderem Feld gesucht werden sollen.

In der Geschichte der Kochkunst wurde etlichen Speisen nur aufgrund ihres Aussehens aphrodisierende Wirkungen nachgesagt, denken wir nur an Austern oder Spargel, die Kaki-Frucht oder den Aal. Es gibt ein Bild von Salvador Dali mit dem Titel "Mittelgroßes französisches Weißbrot mit zwei Spiegeleiern auf dem Teller ohne den Teller, zu Pferd beim Versuch der Sodomie mit einem Stück portugiesischen Brotes", und wir dürfen bei Dali voraussetzen, dass er beim Malen des phallisch geformten Brotes den Leib Christi nicht vergessen hatte: Brot, Wein und nackte, schmerzensreiche also sinnlich fühlende Körper.

Als Aphrodisiaka gelten gerade solche Lebensmittel, die selten und teuer sind - wer sie präsentiert, investiert immerhin etwas (in der Hoffnung auf einen return of investment; bei Casanova wird dieser Zusammenhang offen, geradezu berechnend ausgesprochen): Kartoffeln beispielsweise. Tatsächlich! Sie waren einmal rar in Europa. Heute sind es Trüffel. Da mochte Brillat-Savarin, der geistreiche Gastro-Schriftsteller, in seinem 1825 erschienenen Werk "Die Physiologie des Geschmacks" noch so von der anregenden Wirkung des begehrten Pilzes aus dem Perigord schwärmen - wissenschaftlich gesehen gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen den Aromastoffen der Trüffel und der sexuellen Erregbarkeit, Genussfähigkeit oder Wiederholungskraft. Nein, nachhaltige Wirkung auf die Liebe erzielen in erster Linie die psychischen Signale, die der gemeinsame orale Genuss vermittelt. Es handelt sich um einen Fall von Nachrichtenübermittlung.

Kulinarisches und Erotik gehören auf vielerlei Weise zusammen, für den Genießer ebenso wie für den Asketen (der beides entweder nicht mag oder, schlimmer noch, als notwendiges Übel ansieht). Wobei der kulinarische Genuss manche Menschen über sexuelle Verluste hinwegtrösten oder, anders herum, der verausgabten Sexualkraft wieder Nahrung geben mag - Sex indessen ist kein Ersatz für Essen. Das asymmetrische Verhältnis beider Lüste zeigt uns auch die Sprache: Das Essen wird nicht, oder doch nur in Ausnahmefällen, mit erotischen Metaphern beschrieben - aber umgekehrt geht es ausgesprochen munter zu: Vom Vernaschen ist die Rede und von knusprigen Körpern, da ist dieses saftig und jenes knackig, Kosenamen gehen ins Zuckersüße und überhaupt haben wir einander zum Fressen gern; die brasilianischen Mehinaku, ein indigenes Volk, benutzen die gleichen Wörter für erotische und kulinarische Sachverhalte, etwa "mana" für langweiliges Essen und ebenso für langweiligen Sex.

Hier haben wir das Tiefenverhältnis von Natur und Zivilisation. Überlebensfähig sind solche Gattungen, deren Individuen mit dem Trieb ausgestattet sind, sich zu erhalten und fortzupflanzen. Und homo sapiens setzt der Schöpfung die Krone auf, indem er diese Triebe zivilisiert und aus ihnen eine Lebenskunst macht. Mensch sein heißt: Genießer sein. Oder, auf mehinakisch: Mana vermeiden.