Dies ist das Jahr der Biopolitik. Die Fieberkurve steigt. Jetzt hat Hubert Markl, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, den Bundespräsidenten Johannes Rau attackiert. Der Sultan der Wissenschaften kleidete seine Rede zum Embryonenschutz unangemessen bunt ein, fügte klingende Schellen an und flocht Invektiven ein wie die vom "gleichgeschalteten Gesamtbioethikrat deutscher Tageszeitungen". Weisheit, die sich nicht in der Lust am Streit erschöpft, hätte ihm raten sollen, stattdessen das Zentrum seiner Rede herauszumeißeln: Begriffe wie "Mensch" und "Menschenwürde" sind nur eindeutig, wo sie einfach anzuwenden sind. Doch an den Grenzen der individuellen Existenz (oder auch der Gattung) erweist sich: Diese Kategorien sind Übereinkünfte, also veränderlich, historisch wie der Mensch, der als einziges Tier seine Lebensumstände und sich selbst bewusst umgestaltet. So kann man es jedenfalls sehen.

Nein, so darf man es nicht sehen, schallt es Markl nun entgegen, jetzt zeige die Wissenschaft ihr Gorgonenhaupt. Ihr sei alles gleich gültig. Dieser Vorwurf ist zwar ungerecht, erhellt aber das Problem: Der Gesellschaft geht der Konsens darüber verloren, warum etwas verboten ist oder nicht. Schon ist vom Machtkampf zweier Lager die Rede. Das eine warnt, dass unsere Welt ins Rutschen gerät, wenn sie nicht verlässliche, unantastbare Fundamente hat. Das andere will die Fundamente prüfen, vielleicht ausbessern. Aber sind deswegen die einen "Fundamentalisten", die anderen haltlos?

Die Parteien wissen wenig voneinander und pflegen ihre Vorurteile. Dostojewskijs Satz "Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt" ist indes längst nicht mehr der Kern der christlichen Moraltheologie; sie bemüht sich vielmehr, so zu argumentieren, dass sie auch Ungläubige erreicht. Umgekehrt sagen die Wissenschaftler keineswegs anything goes, sondern suchen sehr wohl nach Regeln, deren Gültigkeit eben nicht "egal" ist.

Gleichwohl genügt es nicht, den Kontrahenten ein laues "Vertragt euch" zuzurufen. Nein, streitet weiter, aber beruft euch nicht auf so genannte Werte oder Sachzwänge, wo ihr mit Sorgfalt argumentieren müsst! Kurz nach der Befreiung Deutschlands von den Nazis forderte der Philosoph Max Bense: "Keine der alten Nachlässigkeiten darf wieder einreißen." Und: "Keine Ungenauigkeit in der politischen Redewendung". Denn die technische Zivilisation gefährde das Gemeinwesen. Prophetische Worte. Was soll aus der Gesellschaft werden, wenn sie ausgerechnet am Begriff der Würde in Lager zerfällt, die nicht miteinander leben können?

Hier gibt es kein "Basta!"

Kein philosophisches dixit kann den Konflikt lösen, kein Kirchenwort, kein scientific paper und kein Kanzler, ob mit oder ohne Ethikrat. Das Gemeinwesen muss sich auseinander- und zusammensetzen und das Unvereinbare miteinander vereinbaren. Schreiben wir es nur hin, das in Deutschland so verachtete Wort "Kompromiss". Es wird zu Unrecht verachtet und klingt besser als "Kulturkampf".

Für den Kompromiss hat die pluralistische Gesellschaft ihre Institution, das Parlament. In der Abtreibungsfrage hat es einen Modus Vivendi gefunden. In der Embryonenfrage kann er lauten: Ändert das Gesetz nicht, lebt mit seinen Schwächen. In der Biomedizin gibt es genug anderes zu tun als Forschung an menschlichen Embryonen, und kinderlosen Paaren ist zuzumuten, dass die Politik ihnen rechtliche Grenzen setzt.