Am kommenden Mittwoch ist es so weit: Die unabhängige Kommission Zuwanderung präsentiert ihre Vorschläge für ein Einwanderungsgesetz. Das wird die politische Lage in Deutschland verändern. Denn dieses Dokument, von Bundesinnenminister Otto Schily in Auftrag gegeben und so gut wie fertig, soll Richtschnur für ein weit in die Zukunft reichendes Konzept sein. Die rot-grüne Regierung will es aber nur im Einvernehmen mit der Opposition in Gesetze gießen.

Bald werden sich also Dutzende von Politikern über den rund 300 Seiten langen Text beugen und nach Minen suchen: die einen, Angehörige der Regierung, mit dem festen Willen, alle konsensgefährdenden Sprengsätze zu entschärfen. Die anderen mit der Absicht, ebendiese mit großem Krawumm zu zünden.

In CDU und CSU wächst die Zahl der Gegner einer Einigung mit Rot-Grün über die Stimmungsthemen Einwanderung, Asyl, Integration. Ein Jahr vor der Wahl wollen sie sich diesen Wahlkampfknüller nicht nehmen lassen.

Die Minensucher werden schnell fündig werden. Im zweiten Kapitel, unter der Überschrift Langfristig Wohlstand sichern, empfehlen die 21 Mitglieder der Kommission ausgerechnet das, was sowohl der Auftraggeber Schily als auch die Mehrheit der CDU/CSU-Opposition strikt ablehnen: Einwanderung aus demografischen Gründen.

Der Kommission geht es in erster Linie nicht um Green Cards, um die schnelle, unbürokratische Überbrückung von Engpässen, etwa in der Computerbranche oder in Krankenhäusern, sondern um die langfristige Öffnung Deutschlands für Einwanderer. 20 000 Bewerber im Jahr sollen nach einem Punktesystem ausgewählt und ins Land gelassen werden. Ausschlaggebend ist allein ihre Qualität, für die es insgesamt 100 Punkte geben kann: zum Beispiel maximal 30 für eine besonders gute Ausbildung. Punkte werden auch für das junge Alter des Bewerbers vergeben (einer für jedes Lebensjahr unter 45; höchstens jedoch 20 Punkte), für seinen Familienstand (Verheiratete mit Kindern erhalten, weil sie zur Verjüngung der Bevölkerung beitragen, einen Bonus: pro Kind 2 Punkte und für die gute Ausbildung des Ehepartners weitere 5 Punkte). Honoriert werden auch Deutschkenntnisse (bis zu 20 Punkte), Berufserfahrungen (maximal 15 Punkte) und die Herkunft aus einem Land, das demnächst der EU beitreten will. Keine Rolle spielt dagegen, ob den Bewerbern in Deutschland bereits ein Arbeitsplatz angeboten wurde.

Die Kommission unterscheidet in ihrem Papier haarfein zwischen "Einwanderern", die aus übergeordneten, demografischen (und wirtschaftlichen) Gründen gebraucht werden und deshalb möglichst schnell Deutsche werden sollten, und so genannten Zuwanderern, auch circa 20 000 Menschen pro Jahr, die eine akute Lücke auf dem Arbeitsmarkt schließen, also nur auf Antrag deutscher Unternehmer und längstenfalls für fünf Jahre ins Land gelassen werden sollen. (Danach dürfen allerdings auch sie sich über das Punktesystem als Einwanderer bewerben.)

Quoten, Kontingente, Migration aus demografischen Gründen - alles Reizwörter für den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (siehe ZEIT-Gespräch Nr. 26/01). Und auch Otto Schily will mit Einwanderern nicht die deutsche Bevölkerung mehren. Kommen soll nur, wer schon einen Arbeitsplatz hat.