Merkwürdige Geschichten erzählt man sich über diese Schule. Man hört von jungen Menschen, die in Zelten leben oder in Schuppen, die sie in der Wildnis zusammenzimmern. Es heißt, dass sie freiwillig auf elektrischen Strom und auf fließendes Wasser verzichten. Dass sie auf dem Campus ihr eigenes Gemüse anbauen und abends gemeinsam singen, tanzen oder Theater spielen. Diese Schule hat offenbar ein Imageproblem. Es mag damit zusammenhängen, dass ihr Gründer, Frank Lloyd Wright, der Schöpfer des New Yorker Guggenheim-Museums, als genialer Exzentriker in die Architekturgeschichte eingegangen ist. Oder einfach damit, dass er den Campus seiner Architekturschule 1937 im Niemandsland baute, tief im Südwesten der USA, mitten in der Wüste von Arizona. So weit außerhalb der Zivilisation, dass man ihn und seine Anhänger für verrückt erklärte.

"Diese ganzen Mythen und Legenden über uns - das ist alles Unsinn", sagt Haven Burkee, Student im dritten Studienjahr an der Frank Lloyd Wright School of Architecture. Nein, die Atmosphäre auf dem Campus sei keineswegs esoterisch, im Gegenteil: "Very down to earth" - sehr bodenständig. Okay, er wohnt in einem shelter in der Wüste, aber was ist daran so besonders? 20 Quadratmeter sind groß genug, um einen Futon unterzubringen, ein paar Bücherregale, einen Ghettoblaster, einen offenen Kamin für die kalten Winternächte und einen Feuerlöscher. Fließendes Wasser gibt's auch, zwar nicht im shelter, aber unten auf dem Campus. Also: "Das ist doch eine ganz normale Schule."

Dass Theater und Musik auf dem Lehrplan stehen, findet der 22-Jährige nicht exotisch, sondern sehr praxisorientiert: Ein Architekt müsse eine Begabung dafür haben, seine Ideen anderen Menschen nahe zu bringen. "Man muss sich und seine Projekte clever vermarkten. Das fällt leichter, wenn man eine Weile als Schauspieler auf der Bühne gestanden hat."

Eine ganz normale Schule? Wohl kaum. Sonst würden nicht jedes Jahr 100 000 Menschen den Campus besichtigen. Die Anlage, nach einem walisischen Barden Taliesin West genannt, gilt als herausragendes Beispiel für eine Architektur, die sich ihrer natürlichen Umgebung anpasst. Von weitem sind die Gebäude kaum zu erkennen. Geduckt schmiegen sie sich an die Hänge der dunkelroten Mac Dowell Mountains. Frank Lloyd Wright hat die Schule aus dem erbaut, was die Wüste hergab: Felsbrocken, Geröll, Sand. Die rohen Materialien bilden einen spannenden ästhetischen Gegensatz zum coolen Design der dreißiger Jahre. Deswegen gehört der Campus zu den touristischen Attraktionen von Arizona, und das Flair der Schule, durch die während der Hochsaison zu jeder halben Stunde Besuchergruppen geführt werden, erinnert an ein Freilichtmuseum.

Jeder baut ein eigenes Haus

Eine touristische Attraktion und zugleich eine kleine, feine Bildungseinrichtung. Nur 40 Studenten werden nach den Prinzipien ausgebildet, die auf Frank Lloyd Wright zurückgehen. Learning by Doing - er verstand Architektur als Handwerk. Deswegen bezeichnen die Studenten sich als apprentices, Lehrlinge. Wright hatte die Idee, dass sich jeder in der Wüste ein eigenes Haus bauen soll. Rund um den Campus führen Trampelpfade zu den shelters vergangener Studentengenerationen. Ihr Aus- und Umbau ist ein elementarer Teil der Ausbildung. Die Studenten lernen aus eigener Erfahrung, wie sich unterschiedliche Klimaeinflüsse auf Gebäude auswirken, wie Heizung und Lüftung funktionieren, welche Baumaterialien sich kombinieren lassen und welche nicht.

Die Studenten kommen aus allen Teilen der Welt und genießen die Privilegien einer Eliteschule. Sie knüpfen Netzwerke, von denen sie ihr Leben lang profitieren werden. Sie arbeiten in Kleingruppen und werden von Mentoren individuell betreut. Sie präsentieren im Vierteljahresrhythmus ein Portfolio aller Studienarbeiten, die die Lehrer nicht benoten, sondern im Dialog mit den Schülern nach qualitativen Gesichtspunkten bewerten.