Hildegard Hamm-Brücher, 80, ist seit über 50 Jahren FDP-Mitglied. Sie saß im Bayerischen Landtag und im Bundestag, war Staatssekretärin für Bildung in Hessen und Staatsministerin im Auswärtigen Amt in Bonn. Mit einer spektakulären Bundestagsrede erhob sie 1982 Einspruch gegen den Sturz des Kanzlers Helmut Schmidt. 1994 kandidierte sie für das Amt des Bundespräsidenten

Die Schule war eine einzige Paukerei von Fakten, Zahlen und wieder Zahlen. Schluss war immer genau an dem Punkt, an dem es interessant zu werden drohte - schrecklich. Ich flüchtete in eine Art Traumwelt, stöberte im Bücherschrank meiner Dresdner Großmutter, bei der meine Brüder und ich seit dem frühen Tod der Eltern lebten. Alles, was mit Geschichte zu tun hatte, faszinierte mich. Besonders Königin Luise von Preußen, die so tapfer war in ihrem Widerstand gegen Napoleon.

Als meine Großmutter der Erziehung von drei lebhaften Kindern nicht mehr gewachsen war, wurde ich nach Salem geschickt. Dieses Jahr im Internat war das erste glückliche nach dem Tod meiner Eltern. Wir wurden ermutigt, uns eigene Gedanken zu machen. Hinzu kam der Ehrenkodex: Man schrieb nicht ab, trug Verantwortung für sich und die Gemeinschaft. Ich war todunglücklich, dass ich als Halbjüdin nicht bleiben durfte. Doch meine Selbstständigkeit war erwacht. Ich wollte Abitur machen, trotz allem, und das in der Nähe von Salem. Also zog ich mit einer Freundin bei einer Wirtin ein und besuchte das Konstanzer Mädchengymnasium. Ich habe mich oft gefragt, warum ich überhaupt weiter zur Schule gehen durfte. In meiner Schulakte, die ich später einsehen konnte, taucht mehrfach ein Herr Kraft aus dem Oberschulamt auf, er hat wohl die Hand über mich gehalten. Irgendwie hatte ich das ganze "Dritte Reich" über Glück im Unglück.

Nach dem Abitur im Februar 1939 wollte ich studieren, am liebsten Geschichte. Das konnte ich natürlich vergessen. Freunde meiner Eltern boten mir an, mich nach Genf zu holen. Doch der Krieg stand bevor, meine jüngeren Geschwister im Stich zu lassen kam nicht infrage. Mein Vormund riet mir, mich für den Arbeitsdienst zu melden. Er sagte: Wenn du einen Studienplatz willst, musst du da vorher hin. Und ich hatte wieder Glück. Im Herbst stand ich mit 600 Mädchen beim Appell, und die Führerin verkündete: Wer Medizin oder Chemie studieren will, vortreten! Ich hatte keine Ahnung, was kommt, doch ich trat vor, und 48 Stunden später war ich zum Chemiestudium nach München entlassen - ich, die nicht im Traum daran gedacht hatte, Naturwissenschaften zu studieren. Ich hoffte einfach auf bessere Zeiten und dass ich dann würde wechseln können.

Doch der Krieg dauerte, und ich stieß zu einem Kreis von kritischen Studenten, die über Gott und die Welt diskutierten. Wir gingen zusammen zum Bach-Chor, in Konzerte oder Vorlesungen. Von den Antinaziflugblättern, die in den engsten Zirkeln entstanden, habe ich allerdings wie die meisten nichts gewusst. Einmal fand ich welche im Labor. Ich erschrak, denn um mich herum passten sie längst auf, was mein freches Mundwerk so sagte. Und was mache ich? Ich gehe aufs Klo, zerreiße die Flugblätter und spüle sie runter. Ich war feige. Schlicht feige. Dann beging meine jüdische Großmutter Selbstmord, um der Deportation zu entgehen - und die Weiße Rose flog auf. Voller Zorn dachte ich: Du kannst dich nicht mehr ducken. Zum Glück begegnete ich einem jungen Theologen von der Bekennenden Kirche, der spürte, was mit mir los war. Er überzeugte mich, dass sich jetzt nicht alle opfern dürfen, sondern dass welche überleben müssen, um nach dem Krieg im Sinne der Widerstandskämpfer weiterzumachen.

Ich überlebte, und noch kurz vor Kriegsende schloss ich meine Promotion ab. Doch die Sieger verboten die Forschung, und ich hatte nur eine halbe Assistentenstelle für 175 Reichsmark im Monat - aber zwei Geschwister ohne Ausbildung. Wir überlegten uns: Was könnte die Hildegard sonst noch? Irgendwer sagte: Du hast immer so gute Aufsätze geschrieben. Also bewarb ich mich bei der gerade gegründeten Neuen Zeitung.

Mein erster Auftrag war ein Artikel über den jüdischen Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber, ich lieferte eine halbe Doktorarbeit ab. Als der Artikel erschien, war daraus ein Zweispalter geworden, ich erkannte keinen Satz wieder. Aber mein Name stand drüber. Später haben sie mich als Wissenschaftsredakteurin angestellt, mein Chef war Erich Kästner - der Schwarm meiner Kindertage. Anfangs hatte ich unheimlichen Respekt vor dem kleinen Mann mit den großen Augenbrauen; er und die anderen haben furchtbar in meinen Texten herumgestrichen. Auf diese Weise habe ich das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt. Und noch etwas ganz Wichtiges lehrten mich die Redaktionskonferenzen: dass man engagiert diskutieren, miteinander streiten kann. Das war völlig neu für mich.