Und endlich flogen die Fetzen. Auf Befehl wird das erste Katapult abgeschossen: Mit einem weichen Flopp landet eine Flickendecke auf dem Schiffsrumpf. Die ganze Prozedur noch einmal. Eine zweite Decke flattert zu Boden. Einen Augenblick machen sich Spieler wieder am ersten Katapult zu schaffen. Dann ist die Performance zu Ende. War das alles?

Auch wenn es so war. Der Hamburger Kunstverein feiert seine Wiederbelebung. Die Veranstaltung, die Cosima von Bonin unter dem Titel Bruder Poul sticht in See für ihn ausrichtet, wird regelrecht gefeiert. Denn die 1962 in Mombasa geborene Cosima von Bonin ist der heiße Tipp in der Kunstszene. Womöglich weil ihre Ausstellungen nach einer ähnlichen Strategie aufgebaut sind wie die Unterhaltungsprogramme der Robinson Clubs. Am Eröffnungsabend gab es die Performance, dann eine Party und noch eine, zwischendurch einen Ausflug zum Kirschblütenfest. Später folgen Filmabende, Führungen, Veranstaltungen, vielleicht noch mehr Partys.

Eine Art Happening in Fortsetzung also? Aber was ist zu sehen? Ein Boot, gestrandet wie der Riesenfisch, liegt in der großen Halle. Ein Segelboot mit Schwert und Mast, aber oben geschlossen. Blendend weiß, glatt und glänzend: ein schöner Gegenstand. Zwei grobe Holzkatapulte stehen daneben. Das sieht aggressiver aus, als es ist. Man merkte es bei der Performance. Schräg hinter dem Schiff an der Wand hängen bunte Pop-Schießscheiben von Poul Gernes, einem verstorbenen dänischen Künstler, den - so ist zu lesen - Cosima von Bonin für sein soziales Engagement schätzt.

Wo bitte geht's zum Kontext?

Das Publikum dieser Ausstellung und vieler anderer mit junger Kunst unterscheidet sich in seinen Reaktionen von Menschen, die zum Beispiel Jan Vermeers Lautenspielerin besuchen. Dort steht der Gast und schaut, Minuten lang, tastet sich mit den Augen durch das Bild, vom Fenster zum Tisch, von der Landkarte an der Wand zum Gesicht der jungen Frau. Und das Weggehen fällt schwer. In Häusern mit zeitgenössischer Kunst rennt er fast durch die großen Räume, wittert hierhin, wittert dorthin. Meistens ist er angewiesen auf Erklärungen, die mit großer Nachsicht geliefert werden. Denn das Gestrüpp aus kunsttheoretischen Begriffen wächst täglich. Jedes Experiment eines Künstlers bekommt sein Etikett. Die reine Scholastik.

Hier haben wir es laut Auskunft im Internet, Suchwort Cosima von Bonin, mit einer Kontextualisierungsstrategie zu tun. Um zu verstehen, was die Künstlerin will, müssen wir die Bezüge, die sie uns zusammengehäkelt hat, erkennen und weiterdenken: Bezüge gesellschaftlicher oder sexueller Art, auf Mode ausgerichtete oder auf Kunst.

Also fangen wir an. Die Bilder des dänischen Künstlers bedeuten zuerst einmal freundliche Beziehungen zum nördlichen Nachbarstaat. Das Schiff verweist auf den Freihafen, denn das Zollsperrgebiet beginnt nur wenige Schritte entfernt vom Kunstverein. Seine weiße Farbe hat vielleicht mit dem piekfeinen Übersee-Club an der Alster zu tun, auch nicht weit vom Kunstverein. Die Reissäcke auf den Katapulten sind vielleicht eine Anspielung auf die Pfeffersäcke, die sich in dem Club treffen. Die Zielscheiben? Sie könnten den Spott bedienen, mit dem Künstler und Pfeffersäcke sich gegenseitig bedenken. Die Katapulte? Klar, die sollen ins Schwarze zielen und treffen doch nur so ungefähr. Möglicherweise ein geschicktes Bild für einen Kunstdiskurs, der mit großen Worten ausholt und Leere erzeugt.