Als Tennisspieler hechtete Boris Becker von einem Triumph zum nächsten, als Unternehmer musste er mit seiner Internet-Firma Sportgate kürz- lich Konkurs anmelden. Sein Wert als Werbeträger leidet unter seinen privaten Eskapaden. Wer oder was kann ihm da noch aus der Patsche helfen? Vielleicht ein gut gemeinter Ethikrat.

Erst waren die Zeitungen in aller Welt jahrelang voll von Geschichten über Boris Beckers Siege. Nun sind dieselben Medien voller Geschichten über seine Schwierigkeiten. Bei einer Reflexion über das dahinter steckende Schema könnte für uns alle etwas Weisheit herausspringen, vielleicht sogar für Herrn Becker selbst.

Als mahnendes Beispiel kann das altenglische Epos Beowulf dienen. Als junger Mann war Beowulf ein starker Krieger, dessen Siege ihm Ruhm und Respekt verschafften. Aber mit Erfolgen gehen Gefahren einher. Ein weiser alter König warnt den jungen Eroberer: Gott gewähre zwar manchmal einem jungen Mann die Erfüllung aller Wünsche. Dann schleicht sich jedoch das ein, was die Griechen Hybris nennen, und die macht den Menschen anfällig für unnötiges Unglück. Beowulf ist von genau diesem Übermut erfüllt. Er lernt nicht dazu und versteht es nicht, seine Talente und menschlichen Grenzen in Relationen zu setzen. Die Folge ist ein sehr öffentliches Scheitern.

Als Philosoph beschäftige ich mich damit, einige der erfolgreichsten Leute unserer Zeit zu beraten, wie sie Beowulfs Schicksal entgehen können. Nichts ist überraschender - und gleichzeitig verbreiteter - als das dramatische Scheitern bislang stets erfolgreicher Leute.

Es ist ein uraltes Schema. Methoden, die in der Vergangenheit funktionierten, müssen nicht unbedingt in der Zukunft funktionieren. Für erfolgsverwöhnte Menschen ist es besonders schwer einzusehen, dass das Leben ständige Anpassung an neue Gegebenheiten erfordert.

Es gibt aber noch eine tiefere Lektion, die wir alle lernen müssen. Gerade mit der größten Anpassungsfähigkeit muss ein Festhalten an unabänderlichen Prinzipien einhergehen. Sie liegen in den vier transzendentalen Kategorien der klassischen Philosophie: Die intellektuelle Dimension unseres Lebens strebt nach Wahrheit; die ästhetische nach Schönheit; die moralische Dimension orientiert sich am Guten; die spirituelle Dimension strebt nach einem Gefühl der Einheit. Jedes dieser vier Prinzipien muss im Kontext der anderen drei verfolgt werden. Verlieren wir eins davon aus den Augen, leiden wir.

Außergewöhnliche sportliche Erfolge können eine extrem körperliche Wahrnehmung zur Folge haben, was zu einem Sichverlieren in der ästhetischen Dimension führen kann. Als Philosoph würde ich Boris Becker raten, sich von langfristigen Zielen nicht ablenken zu lassen durch kurzfristig attraktiv wirkende Dinge.