Der Ort mit dem höchsten Verkehrsaufkommen Deutschlands heißt Norden. Die ruhige ostfriesische Kleinstadt ist zwar 30 Kilometer von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt, und die Bahn hat gerade zwei der vier Interregios gestrichen, die hier auf dem Weg nach Norddeich vorbeifuhren. Im echten Leben liegt Norden also ganz am Rand - doch in der virtuellen Welt ist es eine Metropole.

Auf der Weltkarte, die hinter Jürgen Ridder an der Wand hängt, laufen alle Linien in Norden zusammen. Ridder ist Chef der "Seekabelendstelle" der Deutschen Telekom, und auf seiner Karte ist das internationale Seekabelnetz verzeichnet. Zumindest der Teil, an dem die Deutsche Telekom beteiligt ist. Und das sind immerhin 80 Kabelsysteme mit fast 400 000 Kilometer Länge. Wer im Internet surft oder nach Übersee telefoniert, nutzt dabei fast immer eines der Glasfaserkabel, die in Norden beginnen. Das längste führt über 38 000 Kilometer nach Japan und Australien, das modernste leitet gleichzeitig 7,7 Millionen Telefongespräche zwischen Deutschland und den USA.

Ein unauffälliges Klingelschild am Hintereingang des alten Nordener Postamts ist alles, was außen von der Seekabelendstelle zu sehen ist. Hinter der Tür gibt es Kabelsalat über vier Etagen. Bis unter die Decke sind die Räume voll gestopft mit Verteilerkästen, optischen und elektronischen Verstärkern, Messgeräten und Computerarbeitsplätzen. Der Job von Jürgen Ridder und seinen 30 Mitarbeitern ist es, hier den Überblick zu behalten.

"Ich kann Ihnen bei jedem einzelnen Draht genau sagen, von wo er kommt und wo er hingeht", behauptet Ridder und wirkt dabei so selbstgewiss wie ein Chirurg vor der Operation. Etwa einmal im Monat müssen Ridder und Kollegen beweisen, dass sie wirklich den Überblick haben. Dann ist mal wieder irgendwo auf der Welt ein Glasfaserkabel zerrissen, und in der Seekabelendstelle piept es durchdringend. "Der Alarm ist sogar auf den Toiletten zu hören", sagt Ridder. "Sofort rennt dann jemand zu einem Terminal, um nachzusehen, wo das Problem liegt."

Innerhalb einer Stunde, darauf hat sich die Telekom gegenüber ihren Kunden vertraglich verpflichtet, muss der jäh unterbrochene Datenstrom wieder fließen. Natürlich lässt sich ein gerissenes Unterseekabel so schnell nicht reparieren. Je nach Ort, Wetterlage und Meerestiefe kann es bis zu drei Wochen dauern, bis von Norden aus dirigierte Spezialschiffe beide Enden des kaputten Kabels gehoben und geflickt haben. Bis dahin wird der Datenverkehr umgeleitet.

Hunderte solcher Umleitungen sind in den Computern der Seekabelendstelle programmiert. Im besten Fall klappt die Ersatzschaltung für das defekte Kabel vollautomatisch und fällt den Internet-Surfern und Interkontinental-Telefonierern gar nicht auf. Bei älteren Kabeln erfordert die Umleitung aber noch Handarbeit an Steckern und Buchsen. Per Telefonkonferenz werden die Handgriffe mit den ausländischen Seekabeltechnikern am Weg abgestimmt. Wie ihre Kollegen im Flughafentower sprechen die Lotsen des Datenverkehrs dabei ein internationales Kauderwelsch.

Natürlich reißt ein Kabel immer dann, wenn es gerade nicht passt. Zwar ist die Seekabelendstelle rund um die Uhr mit mindestens zwei Technikern besetzt, doch wenn es ernst wird, reicht das nicht aus. Dann wird schon mal mitten in der Nacht die halbe Belegschaft zusammengetrommelt und geht mit verschlafenen Augen auf Fehlersuche. Schuld an solchen Einsätzen sind fast immer Anker oder Schleppnetze, die irgendwo zwischen Tokyo, Alexandria, New York und Norden Seekabel knacken. "Fischer sind Schweinehunde", sagt Jürgen Ridder trocken, schließlich seien doch alle Kabel genauestens in den Seekarten verzeichnet. Dass sich ab und zu Haie - oder der namentlich hoch verdächtige Kabeljau - in den Glasfaserleitungen verbeißen, sei reine Legende.